Thors Fahrt nach Geirrödsgard



Sk. c. 18

60. Es verdient gar sehr erzählt zu werden, wie Thor nach Geirrödsgard fuhr, denn da hatte er weder den Hammer Miölnir, noch den Stärkegürtel, noch die Eisenhandschuhe bei sich, woran Loki schuld war, der ihn begleitete. Denn dem Loki war es einstmals begegnet, als er zu seiner Kurzweil mit Friggs Falkenhemd ausflog, daß er aus Neugierde nach Geirrödsgard flog, wo er eine große Halle sah. Da ließ er sich nieder und sah ins Fenster. Aber Geirröd erblickte ihn und befahl, den Vogel zu greifen und ihm zu bringen. Der Ausge­sandte gelangte mit Not die Hallenwand hinan, so hoch war sie. Loki ergötzte sich daran, wie jener ihm so mühsam nachstrebte, und dachte, es sei noch früh genug für ihn, aufzufliegen, wenn der Mann das Beschwerlichste überstanden habe. Als dieser nun nach ihm langte, da schlug er die Flügel und spreizte die Füße; aber diese hingen fest. Da wurde Loki ergriffen und dem Riesen Geirröd ge­bracht. Als der ihm in die Augen sah, da ahnte ihm, daß es ein Mann sein möge, und gebot ihm, Rede zu stehen; aber Loki schwieg. Da schloß ihn Geirröd in eine Kiste und ließ ihn da drei Monate hun­gern. Und als ihn Geirröd herausnahm und reden hieß, gestand Loki, wer er sei und löste sein Leben damit, daß er dem Geirröd schwur, den Thor nach Geirrödsgard zu bringen, ohne daß er den Hammer und den Stärkegürtel hätte.

Unterwegs nahm Thor Herberge bei einem Riesenweib, das Grid hieß. Sie war die Mutter Widars, des Schweigsamen. Sie sagte dem Thor die Wahrheit von Geirröd, er sei ein hundweiser und übel umgänglicher Jötun. Auch lieh sie ihm ihre eigenen Stärkegürtel und Eisenhandschuhe und ihren Stab, Gridarwöl genannt. Da fuhr Thor zu dem Fluß, der Wimur hieß, dem größten aller Flüsse. Da um­spannte er sich mit den Stärkegürteln und stemmte Grids Stab gegen die Strömung; Loki aber hielt sich unten am Gurt. Als nun Thor mitten in den Fluß kam, da wuchs dieser so stark an, daß er ihm bis an die Schulter stieg. Da sprach Thor:

Wachse nicht, Wimur, nun ich waten muß

Hin zu des Joten Hause.

Wisse, wenn du wächsest, wächst mir die Asenkraft

Ebenhoch dem Himmel.

Da sah Thor in eine Bergkluft hinauf, daß da Gialp, Geirröds Toch­ter, quer über dem Strome stand und dessen Wachsen verursachte. Da nahm Thor einen großen Stein aus dem Fluß auf und warf nach ihr, indem er sprach: Bei der Quelle muß man den Strom stauen. Sein Wurf pflegte sein Ziel nicht zu verfehlen. In demselben Augen­blick nahte er sich dem Land, ergriff einen Sperberbaumstrauch und stieg aus dem Fluß: daher das Sprichwort, der Sperberbaum sei Thors Rettung.

Als nun Thor zu Geirröd kam; wurden die Reisegefährten zuerst in das Gästehaus gewiesen. Da war nur ein Stuhl zum Sitzen, auf den setzte sich Thor. Nun wurde er gewahr, daß der Stuhl unter ihm sich gegen die Decke hob. Da stieß er mit Grids Stab gegen das Sparrwerk und drückte sich auf den Stuhl hinab. Alsbald entstand großes Gekrach und folgte lautes Geschrei. Unter dem Stuhle waren Geir­röds Töchter Gialp und Gneip gewesen und beiden hatte er den Rücken zerbrochen. Da sprach Thor:

Einstmals übt ich die Asenstärke

In des Joten Hause,

Da Gialp und Gneip, Geirröds Töchter,

Mich zum Himmel hoben.

Da ließ Geirröd den Thor in die Halle zu den Spielen rufen. Da waren große Feuer der ganzen Länge der Halle nach. Und als Thor in der Halle dem Geirröd gegenüber stand, da faßte Geirröd mit der Zange einen glühenden Eisenkeil und warf ihn nach Thor. Aber Thor fing ihn mit den Eisenhandschuhen in der Luft auf. Geirröd sprang hinter eine Eisensäule, sich zu wahren. Aber Thor warf den Keil, daß er durch die Säule fuhr, durch Geirröd, durch die Wand und draußen noch in die Erde.

 



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