Die Gründung Kiews


Über den Ursprung Russlands und die Gründung Kiews findet sich in der Nestorchronik eine Legende in der erzählt wird, woher das russische Land seinen Anfang nahm, wer in Kiew zuerst zu herrschen begann und auf welche Weise das russische Land entstanden ist. Die Legende beginnt mit einer Schilderung der angeblichen Reise des Apostels Andreas durch das russische Land:

Nachdem Andreas in Sinope gelehrt hatte, kam er nach Korsun. Hier hörte er, dass nicht weit von der Stadt Korsun die Dneprmündung sei. Da er nach Rom reisen wollte, fuhr er zur Dneprmündung und von dort den Dnepr aufwärts. Und es geschah, dass er an einer Anhöhe vorbeikam und er legte an deren Fuße an. Am anderen Morgen stand er auf und sprach zu seinen Schülern, die mit ihm waren:

"Seht ihr diese Berge? Über ihnen wird Gottes Gnade erstrahlen. Hier wird einst eine große Stadt sein und Gott wird viele Kirchen errichten."

Er ging auf die Berge hinauf, segnete sie und stellte ein Kreuz auf. Dann betete er zu Gott und stieg wieder von dem Berg hinab, auf dem später Kiew entstand. Darauf setzte er seine Reise fort, den Dnepr aufwärts. So gelangte er schließlich auch zu den Slowenen, wo heute Nowgorod liegt und sah, wie die Leute dort lebten, welche Gewohnheiten sie hatten, wie sie sich wuschen und dabei peitschten. Und er wunderte sich sehr über sie. Dann kam er zu den Warägern und schließlich gelangte er nach Rom. Hier berichtete er, wo er gelehrt und was er gesehen hatte. Er sagte:

"Wunderliches habe ich auf meiner Reise bei den Slowenen beobachtet. Ich sah dort hölzerne Badehäuser, die sie sehr stark heizen. Sie ziehen sich ganz nackt aus und übergießen sich mit Gerberlauge. dann nehmen sie dünne Ruten und schlagen damit so heftig, dass sie kaum noch lebend wieder heraus kommen. Daraufhin begießen sie sich mit eiskaltem Wasser und werden wieder frisch und munter. Das tun sie täglich, von niemandem dazu gezwungen peinigen sie sich selbst. Sie tun das jedoch, um sich zu reinigen und nicht, um sich zu martern."

Und alle, die das hörten, wunderten sich darüber sehr. Nach seinem Aufenthalt in Rom kehrte Andreas wieder nach Sinope zurück.

Abgeschieden lebten die Poljanen und wurden von Leuten ihres Stammes beherrscht. Poljanen gab es nämlich schon vor jener Zeit, da die drei Brüder lebten. Sie wohnten mit ihren Stammesangehörigen an festen Orten und hatten ihre eigenen Herrscher. So lebten auch die drei Brüder, der eine Ki, der andere Stschek, der dritte Choriw. Ihre Schwester hieß Lybed. Ki hatte seinen Wohnsitz auf jenem Berg, bei dem sich heute der Boritschowtalweg befindet. Stschek auf jener Höhe, die heute Stschekowiza heisst, und Choriw auf einem dritten Berg, der nach ihm den Namen Chorewiza erhielt. Sie erbauten zu Ehren ihres ältesten Bruders Ki eine Burg und gaben ihr den Namen Kiew. Rings um die Burg erstreckten sich große Nadelwälder, dort jagten sie wilde Tiere. Es waren kluge und verständige Männer und sie nannten sich Poljanen. Seit dieser Zeit leben Poljanen in Kiew bis auf den heutigen Tag.

Einige Leute aber, die das nicht wissen, sagen, Ki sei ein Fährmann gewesen, denn bei Kiew gab es damals eine Fähre über den Dnepr und deshalb habe es geheißen, zur Fähre des Ki, also Kiew. Wäre Ki aber ein Fährmann gewesen, so wäre er nicht bis nach Zargrad gezogen.

Ki jedoch herrschte über sein Geschlecht und als er zum Kaiserhof kam, wurde ihm, wie man berichtet, von jenem Kaiser, der gerade regierte, große Ehre erwiesen. Auf dem Rückweg gelangte Ki zur Donau und fand an einem Ort Gefallen. Er erbaute eine kleine Burg und wollte sich mit seinem Geschlecht dort niederlassen, aber diejenigen, die in dieser Gegend lebten, duldeten es nicht. Die Bewohner dieses Gebiets an der Donau nennen diese Burgruine noch heute Kiewez.

Nachdem Ki in seiner Stadt Kiew angekommen war, starb er. Auch seine Brüder Stschek und Choriw und seine Schwester starben dort.

(Bei dieser in der Nestorchronik überlieferten Geschichte von der Gründung Kiews handelt es sich um eine der ältesten Sagen Russlands. Bereits der armenische Historiker Zenob Glak (7. Jh.) führt eine Legende an, nach der im Lande der Poluni (Poljanen) durch die drei Brüder Kuar, Mentery und Cheran die Stadt Kuar (Kiew) gegründet worden sei. Es ist möglich, dass Zenobs Geschichte den Grundstock für die Erzählung Nestors abgab.)


Quelle

Erich Donnert: Das Kiewer Russland: Kultur und Geistesleben vom 9. bis zum beginnenden 13. Jahrhundert. Urania-Verlag, 1983



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