Über die Nestorchronik



Die Nestorchronik wurde zwischen 1113 und 1118 von dem Abt des Widubizki-Kloster in Kiew aus Zitaten anderer Werke zusammengestellt und ist eines der identitätsstiftenden Kulturdokumente Russlands, Weißrusslands und der Ukraine.

Als Quellen gelten z.B. die Griechische Chronik, biblische Bücher, historische byzantinische, homiletische, hagiographische, apologetische und liturgische Schriften. Desweiteren Handels- und Friedensverträge, slawische Erzählungen über Kyrill und Method, klösterliche Texte über Olga, Boris und Gleb, als auch Unterlagen über die Einführung des Christentums als Staatsreligion unter Wladimir, kirchliche Aufzeichnungen über Reliquentranslationen, Notizen über Familienereignisse und Feldzüge aus dem Fürstenhaus und Aufzeichnungen über Tributverprlichtungen einheimischer Stämme. Auch berichtet der Chronist, dass er mündliches Material verwertet hat. In Bezug auf Jan Vyšatič berichtet der Chronist: "Ich habe viele Berichte von ihm gehört, die ich in diese Chronik eingetragen habe."

Der Name stammt vom Hagiographen Nestor von Kiew, dem diese Schrift seit ca. 1230 zugeschrieben wurde, was im nachhinein aber unwahrscheinlich ist, da Nester um 1085 zwei Heiligenviten über die Fürstensöhne Boris und Gleb, als auch über den Abt des Kiewer Höhlenklosters Feodosij geschrieben hat, deren Darstellung stark von der Darstellung der selben Personen in der Nestorchronik abweicht. Die verbreiteste Fassung der Chronik wird in der Wissenschaft gewöhnlich "PVL" genannt. Diese Bezeichnung bezieht sich auf die Anfangsworte der Chronik "Povest' vremennych let". Wenn man die PVL mit den anderen Fassungen vergleicht, so unterscheidet sie untereinander, dass sie die Ereignisse auch den Erfordernissen der jeweiligen Herrschaftslegitimationen anpassen.

Unter dem Jahr 852 wird die Rus das erste Mal in der Chronik genannt. Und unter dem Jahr 862 (dem Jahr 6370 nach byzantinischer Zeitrechnung) berichtet die Fassung der Laurentiuschronik über die (wissenschaftlich umstrittene) Einladungslegende:

"Sie verjagten die Waräger über das Meer und gaben ihnen keinen Tribut und begannen, sich selbst zu regieren. Und es gab unter ihnen kein Recht, und Sippe stand auf gegen Sippe, und es waren unter ihnen Fehden, und sie begannen wider einander zu kämpfen. Und sie sprachen zueinander: "Wir wollen uns einen Fürsten suchen, der über uns herrsche und gerecht richte.“ Und sie gingen über das Meer zu den Warägern, zu den Rus, denn so hießen die Waräger „Rus“, wie andere Schweden heißen, andere Norweger und Angeln, andere Gotländer: so auch diese. Und es sprachen die Rus, die Tschuden, Slowenen (Ilmenslawen), Kriwitschen und Wes: „Unser Land ist groß und reich, doch es ist keine Ordnung in ihm; so kommt über uns herrschen und gebieten.“ Und die drei Brüder wurden erwählt samt ihren Sippen, und sie nahmen alle Rus mit sich und kamen. Rurik, der ältere, ließ sich in Nowgorod nieder, der zweite Sineus am Weißen See (Belo Osero), der dritte Truwor in Isborsk. Und nach diesen Warägern wurde das Land um Nowgorod ‚Rus‘ genannt, und die Nowgoroder sind vom warägischen Geschlecht, früher nämlich waren sie Slowenen.“

Die Unterschiede der verschiedenen Fassungen zeigt sich z.B. an der Bedeutung Nowgorods. so lassen sich nach der PVL und der Hypatiuschronik Rurik in Nowgorod, Sineus in Beloozero und Truvor in Isborsk nieder. Alle Fassungen der Chronik stimmen überein,was Sineus und Truvor angeht und deren Orte sind auch archäologisch belegt.

Mit Nowgorod schaut dies anders aus. Nach einer Reihe von anderen Handschriften lag die erste Festung Ruriks in Staraja Ladoga. So heisst es, dass er zuerst zu den Slovenen fuhr und danach seine erste Festung in Ladoga baute. Die Verfasser schrieben: "... bevor er die Festung in Ladoga baute, und er saß in Ladoga." Nowgorod wurde demnach erst später von ihm gegründet.

In der gedruckten Laurentiuschronik wird darauf hingewiesen, dass in der Laurentiuschronik ursprünglich keine Angabe darüber gemacht wird, wo sich Rurik niederließ. Der Herausgeber der Troickij-Handschrift, von der nach dem Brand von 1812 nur der erste Druckbogen erhalten geblieben ist, gibt an, dass die Texte der PVL und der Hypatiuschronik zwar identisch sind, die Bermerkung über Novgord aber über den Text nachträglich eingeführt wurde. Dies geschah wohl Ende des 14./Anfang des 15. jahrhunderts, als Nowgorod über viele Legenden und Mythen versuchte, seine Unabhängigkeit zu legitimieren. Eine dieser Mythen besagte, dass Nowgorod das Zentrum des ältesten russischen Staates (Nowgoroder Rus) war. Die Chroniken wurden damals von Nowgorod nach Moskau überführt und man findet die älteste Nowgorod-Version in der Sofija-Chronik des 15. Jahrhunderts. Zu dieser Zeit wurde Nowgorod auch in die PVL übernommen. Weitere Unterschiede kann man anhand des Beispiels von Kiew erkennen. So unterscheiden sich die Darstellungen über die Anfänge des Reiches in der PVL und der 1095-Kompilaton. In beiden Manuskripten wird die Übernahme Kiews durch die Rukikiden auf Kosten der skandinavischen Häuptlinge Askold und Dir geschildert. In der 1095-Kompilation standen die beiden Häuptlingen in keinerlei Beziehungen zu den Rurikiden, während in der PVL behauptet wird, sie hätten bei der Einladung zur Herrschaftsübernahme zwar nicht zu Ruriks Familie, aber zu seinem Gefolge gehört und hätten ihn gebeten, nach Konstantinopel ziehen zu dürfen. Dis hätte Rurik ihnen gestattet, sie seien aber stattdessen nach Kiew gegangen und hätten sich dort niedergelassen. Die spätere Machtergreifung der Rurikiden in Kiew wird sowohl in der PVL, als auch in der 1095-Kompilation durch den selben listigen Betrug geschildert, jedoch wird die Eroberung Kiews in der 1095-Kompilation als unrechtmäßige Gewalttat geschildert, während die PVL schildert, dass sich Oleg und Igor nur das zurückholten, was sich die Häuptlinge Askold und Dir unrechtmäßig angeeignet hatten. Die 1095-Kompilation berichtet, dass Igor der Sohn Ruriks ist, welcher sich später dem Heerführer Oleg verpflichtete, schildert die Eroberung Kiews durch Igor und fährt fort: "Und Igor saß und gegierte in Kiew ... Dieser Igor begann, Festungen zu errichten und Steuern zu erheben." In der PVL taucht Oleg hingegen erst nach dem Tode Ruriks auf. Dieser überträgt gemäß PVL die Fürstenwürde, als auch die Vormundschaft über seinen Sohn Igor an Oleg, welcher hier ein Verwandter Ruriks ist. Auch ist es Oleg, der Kiew erobert. Igor wird den Häuptlingen Askold und Dir von Oleg als Sohn Ruriks vorgestellt, welcher der rechtmäßige Herscher über Kiew sei. Der dann folgende Text ist der gleiche wie in der 1095-Kompilation, nur wird halt Igor gegen Oleg ausgetauscht. So heisst es: "Und Oleg saß und regierte in Kiew ... Dieser Oleg begann, Festungen zu errichten und Steuern zu erheben." Nach dieser Geschichte beginnt die 1095-Kompilation mit den jahresweisen Berichten und gibt Olegs Tod unter der Jahreszahl 922 an, während in der PVL berichtet wird, dass Oleg bis zu seinem Tode 912 die Rus alleine regiert und Igor die Herrschaft erst danach übernommen habe.

Wissenschaftliche Untersuchungen haben zweifelsfrei ergeben, dass die Version der 1095-Kompilation die ursprünglichste ist und führen die Änderungen in der PVL darauf zurück, dass die Machtübernahme der Rurikiden in Kiew nachträglich legitimiert werden soll.




Quellenangabe:



- Jon Lind: Die russischen Chroniken als Quelle über die Kontakte im Ostseegebiet
In: Aleksander Loit (Hrsg.): Det 22. nordiske historikermøte Oslo 13.–18. august 1994.
Rapport I: Norden og Baltikum. IKS, Avdeling for historie, Universitetet i Oslo – Den norske historiske forening, Oslo 1994, S. 35–46.
- Ludolf Müller (Hrsg.): Handbuch zur Nestorchronik. Fink, München 1977 ff., bisher erschienen: Band I–IV.
- Ludolf Müller: Nestorchronik. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. Band 21: Naualia – Østfold. Herausgegeben von Heinrich Beck.
2. völlig neu bearbeitete und stark erweiterte Auflage. Walter de Gruyter, Berlin u. a. 2002, ISBN 3-11-017272-
- Serge A. Zenkovsky: Medieval Russia's Epics, Chronicles, and Tales. Revised and enlarged Edition. Meridian, New York NY 1974, ISBN 0-452-01086-1 (A Meridian book)



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