Die Rus









Die Rus (ostslawisch Роусь, auch Роусьскаѧ землѧ, griechisch Rossia, lateinisch Russia, Ruthenia), bzw. Kiewer Rus (ukrainisch Київська Русь, weißrussisch Кіеўская Русь, russisch Киевская Русь) war ein mittelalterliches Großreich mit Zentrum in Kiew, das als Vorläuferstaat der heutigen Staaten Russland, Ukraine und Weißrussland angesehen wird. Der Begriff Kiewer Rus wurde erst im 19. Jahrhundert vom russischen Historiker Nikolai Karamsin als zeitliche Abgrenzung gegenüber der späteren Wladimirer Rus und der Moskauer Rus geprägt. Die mittelalterlichen Quellen nennen das Land „Rus“ oder „russisches Land“ (русская земля).

Das Reich der Rus entstand im 9. und 10. Jahrhundert durch die Vereinigung ostslawischer Stämme. Die Kiewer Rus war kein ukrainischer oder russischer Nationalstaat, sondern wie die meisten vormodernen Herrschaftsbildungen ein Vielvölkerreich, das nicht nur von Slawen, sondern auch von finnisch-, baltisch- und turksprachigen Stämmen bewohnt war. In der Elite spielten zunächst Skandinavier, dann auch Griechen und Südslawen eine bedeutende Rolle.

Die Rus umfaßte ein weiträumiges Territorium, welches von der Tamanhalbinsel im Süden, dem Dnestr und der oberen Wisla bis zu den Oberläufen der Nördlichen Dwina im Norden reichte und zu den Großreichen des europäischen Mittelalters zählte.

Die Formierung der Slawen zu Völkerschaften äußerte sich besonders bei den Ostslawen, wobei der Konsolidierungsprozeß (Konsolidierung = Zusammenfassung mehrerer Teile zu etwas Ganzem) dabei das gesamte ostslawische Territorium umfaßte. Die Nestorchronik zählt die ostslawischen Stammesfürstentümer auf, welche das Stammesgefüge der Rus bildete. Es handelte sich um mehr als 14 Stämme u.a. die Poljanen, Drewlianen, Dregowitschen, Sewerjanen, Wjatitschen, Kriwitschen, Radimitschen, Ilmenslawen, Chorwaten, Wolhynier, Duleben, Ulitschen und Tiwerzen. Den Poljanen um Kiew herum, den Ilmenslawen im Nowgoroder Land und den südwestlichen Wolhyniern kam die führende Rolle zu.

Die Gemeinschaft der ostslawischen Stämme Osteuropas war ökonomisch, politisch und ethnisch der bestimmende Bevölkerungskern, mit welchem mehr als 20 nichtslawische Völker in einem Wechselverhältnis standen. Dies waren im Baltikum die Esten, Letten, Litauer, Jatwinger, Liven, Woshanen und Ishoren; im Norden die Karelier, Finnen-Jemen, Samen-Lappen, Komi, Tschuden, Permier und Biarmier; im Wolgagebiet die Mordwinen, Wjada, Mari-Tscheremissen und Udmurten, im Nordkaukasus die Alanen-Assen, Adygen und ein Teil der Chasaren; im Steppen und Küstengebiet des Schwarzen Meeres die Petschenegen, Torken; Polowzer und andere.

Im weiträumigen Teil Osteuropas vollzog sich bereits vor der Entstehung der Kiewer Rus eine Kolonisation, deren Hauptträger der ostslawische Ackerbauer war. Es handelt sich um eine weitgehend friedliche Siedlungsbewegung, in deren Folge die Fortschritte der ostslawischen Landwirtschaft auch zu landwirtschaftlich weniger entwickelten nichtslawischen Völkern gelangte. Der Ackerbau bestimmte auch die künftige Gesellschaftsstruktur des altussischen Staates und die Stabilität der Beziehungen zu den nichtslawischen Völkern und Staatswesen. Schließlich wurde für das entstehende Kiewer Rusreich von großer Bedeutung, dass es in Synthese mit iranischen baltischen, warägischen, finnisch-ugrischen und türkischen Elementen geschah.

Innerhalb der neuen slawischen Stammesfürstentümer nahmen bereits adlige Oberschichten eine gesellschaftliche Vorzugsstellung ein, wobei allerdings der Adel der einzelnen Fürstentümer noch keinen einheitlichen Feudalstand bildeten, sondern sich zeitweilig existierende Stammesvereinigungen schuf. Ihrem Charakter nach, waren diese Bünde bereits vorstaatliche Gebilde. Der Zusammenschluss der Länder des Oberen und des Unteren Russlands, als auch die Ausbildung der Grenzen des Staates gingen in scharfem Kampf mit den Nachbarländern vor sich. Die sich durch Fürsten, Bojaren, adligen Dienstmannen und später auch der geistlichen Aristokratie formierende Feudalität führte die auswärtige Politik durch, was sich zu einer Zeit, in welcher großangelegt Kriegszüge in benachbarten Länder und Staaten stattfanden, vollzog. Bei diesen Kriegszügen ging es darum, Tribute einzunehmen und vorteilhafte Handelsabkommen zu schließen, welche es gestatteten, Pelze, Honig, Wachs und Sklaven zu veräußern und dafür im Austausch Luxusgegenstände zu erhalten.

Über die Entstehung des Namens Rus gibt es in der Wissenschaft verschiedene Theorien:

- Normannische Theorie (Skandinavische Theorie): Dies ist die heute von der Mehrzahl der Wissenschaftler vertretene Theorie. Der Name Rus wird von der finnischen Bezeichnung für Schweden/Nordgermanen hergeleitet, Ruotsi, oder von ihrer mutmaßlichen Heimat in Schweden, Roslagen. Das finnische „Ruotsi“ ist aus dem altgermanischen Wort für „Ruder“ entlehnt. Dagegen wird allerdings eingewandt, dass im genitivischen Anfangsglied *Rōþs der Anfangsvokal nicht vor dem 6. Jahrhundert verstummt sein könne, und das sei für die Benennung eines seit alters her benachbarten Stammes zu spät.

- Ostslawische Theorie: Rus heiße ein Stamm der Ostslawen (Teil der Polanen), der südlich vom heutigen Kiew entlang des Flusses Ros ansässig war. Der Name des Stammes kann entweder vom slawischen Wort für „rot, hell“ (rusyj) oder vom Namen des Flusses stammen. „Rus“ war in der altslawischen Sprache ein Wortstamm für Wasser und ist heute in Worten wie Русло (Flussbett) Русалка (Wassernymphe) und Роса (Morgentau) sowie im Verb орошать (bewässern) erhalten. Rus könnte demnach nicht zwangsläufig ein Stammesname sein, sondern die Bezeichnung für jegliche Menschen, die die Flüsse befuhren. Ein Stamm von Rossomonen (Ros-Mannen) wurde schon im 6. Jahrhundert bekannt (Jordan), lange vor der Ankunft der Waräger. Diese Theorie erfreute sich in der Sowjetunion großer Beliebtheit, wird aber außerhalb des ehemaligen sowjetischen Gebiets kaum vertreten.

- Alanische Theorie (Iranische Theorie): Laut einigen deutschen, russischen und britischen Sprachwissenschaftlern und Historikern könnte die Bezeichnung Rus auf einen alanischen Teilstamm der Ruchs-as oder auf die sarmatischen Roxolanen zurückgehen. In beiden Stammesnamen steckt, wie auch in den iranischen und russischen Vornamen Rustam und Ruslan, altnordiranisch Raochschna = „weiß, Licht“; Rus als Volksname würde demnach „die Hellen, Strahlenden“ bedeuten. Die Anwesenheit von nicht-assimilierten Alanen in den Siedlungen und Städten der frühen Kiewer Rus ist archäologisch belegt. Allerdings wird diese Theorie von den meisten Wissenschaftlern zurückgewiesen. Die alanische Theorie ist vor allem deshalb unwahrscheinlich, weil Alanen eher im Süden der Rus lebten, zudem in nur sehr geringer Zahl. Zudem waren die Alanen in der frühen Rus nicht so gut organisiert wie die skandinavischen Raubhändler.

- Westslawische Theorie: Eine von nur sehr wenigen Historikern vertretene Theorie ist die folgende: Der Name wird vom westslawischen Stamm der Ranen (Rujanen) hergeleitet, die am Ostseehandel sowie an den Expeditionen der Waräger intensiv teilgenommen haben. Der Name des russischen Dynastiegründers Rurik wird aus dem westslawischen Rarog abgeleitet.

In der Nestorchronik (siehe auch den Artikel darüber hier auf der Homepage) findet sich eine Legende über den Ursprung der Rus und der Gründung Kiews, in welcher erzählt wird, "woher das russische Land seinen Anfang nahm, wer in Kiew zurerst zu herrschen begann und auf welche Weise das russische Land entstanden ist". Ihr findet die alte Geschichte der Gründung Kiews unter der Rubrik "Geschichten" hier auf der Homepage.

Quellen:

- Erich Donnert: Das Kiewer Russland: Kultur und Geistesleben vom 9. bis zum beginnenden 13. Jahrhundert. Urania-Verlag, 1983
- Andreas Kappeler: Rußland als Vielvölkerreich: Entstehung – Geschichte – Zerfall. München 1992, ISBN 3-406-36472-1, S. 19–24 [Neuaufl. 2001: ISBN 3-406-47573-6]
- Håkon Stang: The Naming of Russia. Meddelelser, Nr. 77. University of Oslo Slavisk-baltisk Avelding, Oslo 1996.
- Gottfried Schramm, Marcin Woloszyn: Rus und Russland. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde (RGA). 2. Auflage. Band 25, Walter de Gruyter, Berlin/New York 2003, ISBN 3-11-017733-1



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