Beowulf



I. Von den Schildingen.

1. Schild.

In Urtagen schwamm über die See ein Schiff an die Küste Dänemarks; Schilde deckten den Bordrand, oben vom Mastbaum flatterte ein golden Banner.

Unten, daran gelehnt, sass schlafend ein Knabe, Waffen lagen rings um ihn; der war eines Gottes Sohn, Schild hiess er bei den Menschen. Unter Staunen liefen die Leute herbei; heiliger Schauer und freudige Hoffnung ergriffen sie, als sie nun den von den Göttern ihnen Zugesendeten aufnahmen. Er wuchs gross, gewann Würde und Macht und wurde König der Gerdänen.

Lang waren sie getreu Heremod, ihrem König, gefolgt; als er aber im Alter finster, gabenkarg und blutgierig wurde, liessen sie von ihm.

Nun schützte Schild die Dänen gegen ihre Feinde, mehrte ihre Macht und teilte ihnen Schätze aus; einen guten König nannten sie ihn. Lange lebte er, und liess Land und Reich seinen Nachkommen, den Schildingen. Und als er schied, trugen seine Gefolgen den Toten als brandende Ufer, wie er selber geboten hatte. Sie rüsteten ein Schiff aus mit Schilden und Waffen, sie legten ihren lieben Herrn, den Schatzspender, an den Mastbaum und häuften um ihn köstliche Schätze und Kleinodien; das goldene Banner banden sie ihm zu Häupten und schoben das Schiff hinaus auf die See; die ihn einst hergetragen hatte, entführte ihn wieder, und niemand weiss, wer ihn empfing.

2. Heorot.

König Hrodgar, Healfdens Sohn, einem Urenkel Schilds, folgte Heerglück und Waffenruhm, so dass Gesippen und Volk ihm gern dienten. Er liess ein prächtiges Hallgebäude aufführen mit einem grossen Metsaal; Heorot, d. i. Hirsch, nannten sie den Saal wegen seiner hohen Zinnen.

An den Wänden hingen kostbare Waffen, Heergerät und Schatzstücke aller Art. Die hartholzigen Tische und Bänke waren goldbeschlagen und, wo sie standen, deckten den gestampften Estrich Holzdielen.

Auf dem Hochsitz sass da Hrodgar im Kreise seiner Degen und teilte Baugen (Ringe), Waffen und Gewande unter die Dänen aus. Von fern und nah kamen sie nach der gastlichen Heorot gezogen. Dort lebte sich’s ohne Sorge in Lust und Frieden. Das Methorn kreiste, Harfenschlag erklang, Sänger sangen ihre Lieder und weithin schallte jeglichen Tag der Jubel.

3. Grendel.

Den hörte tief im Sumpfwald ein Unhold, der in Moor und Meer hauste; Grendel hiess er bei den Leuten.

Zur Nacht schlich der üble Markgänger spürend in die schöne Halle. Da lagen auf dem Estrich, behaglich auf Polstern gebettet, im Schlaf die Edelinge, welche die schmuckreiche Halle hüteten. Gierig raffte der scheussliche Riese dreissig der Schläfer und trug sie mit sich in seinen Bau.

Auf Freude folgte da Wehruf und Mordgeschrei in Heorot! - Die Fussspur des Unholds verfolgten sie bis an den verrufenen Sumpfwald, der über wildes Geklüft am Seestrand sich hinzog. Noch kein Lebender hatte sich dort hinein gewagt.

In der nächsten Nacht aber kam das Scheusal abermals und raubte noch mehr der Helden als zuvor. Bald flohen die meisten die schöne Halle; denn Grendel kehrte allnächtlich wieder und raffte schonungslos einen Helden nach dem andern dahin, bis die stolze Heorot leer stand. Zwölf Winter wütete er so voll Hohn und Feindschaft. Machtlos waren auch die Tapfersten gegen seine Riesenstärke. Nicht um Lösegeld gab er die Geraubten frei, noch schonte er ihres Lebens. Alt und jung ängstigte er, meuchelnd und mordend, wann er zur Mitternacht aus dem Nebelmoor aufstieg. Schwer lastete der Kummer auf dem König; gebrochnen Mutes sass er auf dem Hochsitz und raunte oft mit weisen Männern, ob sie Rat wüssten? Vergebens opferte er den Göttern in Hof und Heiligtum und rief ihren Beistand an wider den Würger. Jahraus, jahrein quälte den Herrscher die eine Sorge, und er wusste doch nicht das Weh von seinem Volke zu wenden. Bald wurde es lautbar; über der Dänen Mark hinaus drang die Kunde von dem Unhold.

II. Beowulf

1. Die Ausfahrt.

Da hörte von Grendels Greueltaten, fern im Geatenreich, Beowulf, des Königs Hygelak Schwestersohn, und tapferster Degen. Er entstammte dem königlichen Geschlecht der Wägmunde in Schweden. Als siebenjähriger Knabe war er an den Hof seines mütterlichen Grossvaters, des Geatenkönigs Hredel, gekommen, der ihn mit seinen eignen Söhnen erziehen liess; er ward der Liebling seiner Gesippen und des Volks.

Nun befahl er, ein Schiff bereit zu machen; denn er wollte hinüberfahren zu Hrodgar, der eines Helden bedürfe. Vierzehn der kühnsten Geaten kor er sich zu Fahrtgesellen. Bald lag unter dem Hügel am Meeresstrand schaukelnd auf den Wellen das Schiff mit dem schön gebogenen Steven bereit.

Die Segelbrüder trugen eilend ihre Kriegswehr hin und bargen sie in dem weitbäuchigen Nachen. Ein seekundiger Lotse führte das Steuer. Da flog das halsumschäumte Schiff, vom Winde geschoben, wie eine Möwe über die Flut, bis zur selben Stunde des andern Tages die Seefahrer das Land erblickten; blinkende Seeklippen und ragende Berge dahinter. Die Fahrt war zu Ende, die Weigande stiegen auf den Strand, zogen das Schiff nach und seilten es fest. Dann trugen sie ihre Wehrkleider heraus, legten sie an und schritten erzklirrend landeinwärts.

2. Der Strandwart.

Da - vom Landwalle her - gewahrte der Schildinge Strandwart, der die Seeküsten hütete, die Helden, wie sie Schilde und Brünnen ans Land trugen. Er ritt hinab; den Wurfspeer in der erhobenen Hand wiegend, rief er sie an: "Wer seid ihr, brünnenbewehrte Waffenträger, die ihr auf umbrandetem Kiel übers Meer geschwommen seid? Als Strandhüter bin ich hier bestellt, dass kein leidiger Feind der Dänen landen mag. Nie zuvor sah ich Krieger unerschrockener landen! Schwerlich wisst ihr doch das Losungswort, noch habt ihr des Dänenkönigs Erlaubnis verlangt?" Und auf Beowulf deutend fuhr er fort: "Und nie sah ich gewaltigeren Kämpen als den einen; das ist kein Herdhocker, wenn nicht sein Antlitz trügt! Ich muss nun aber eure Herkunft wissen, ehe ihr gar als Späher ins Dänenland zöget. Darum gebt Bescheid!"

"Wir sind Geaten," antwortete ihm Beowulf, "Herdgenossen Hygelaks, unsers Königs. Beowulf heiss’ ich, Ekgtheows Sohn; Völker und Fürsten kannten ihn und weise Männer gedenken noch sein. Mit holdem Herzen suchen wir Hrodgar, deinen Herrn, auf. Gib du freundliche Auskunft, du musst es ja wissen, ob dem so ist, wie wir sagen hörten? Dass bei den Schildingen ein mitternächtiger Schadestifter in Hass und Bosheit Mordfrevel übt? Ich will Hrodgar Rat finden, ob er nicht den Unhold bezwinge und so der Frohsinn nach Heorot zurückkehre und des Königs Kummer beschwichtigt werde, oder ob er für immer diesen quälenden Druck tragen muss, solange er in seiner Halle sitzt."

Vom Ross herunter entgegnete der Buchtwart: "Wort wie Werk soll ein verständiger Kriegsmann verstehen. Holde Gäste seid ihr meinem Herrn. Nehmt denn eure Waffen auf, ich will euch den Weg weisen. Auch werd’ ich meinen Mitwächter mahnen, dass man am Strand euer Schiff hüte und seiner wohl achte, bis es euch wieder zur Wedernmark trägt. Möge jeder Held heil seine Tat vollbringen."

Das Schiff blieb in der Bucht am Anker liegen, die Helden aber schritten hinter dem Seewart her - von ihren Helmen glänzten goldene Eberbilder, - bis sie in der Ferne die goldgeschmückte Heorot schimmern sahen. Da wies ihnen der Wächter den nächsten Weg und wandte sein Ross: "Fahrt im Schutze der Götter; ich muss zurück an die See und Wache halten gegen räuberische Feinde."

3. Begrüssung.

Mit bunten Steinen war der Weg gepflastert, den sie hinanstiegen; die Brünnen erglänzten, die Panzerringe klirrten, als sie in den Königshof geschritten kamen. In der Vorhalle lehnten sie ihre harten Schilde an die Mauer, die grauen Eschen-Gere stellten sie zusammen, mit den Eisenspitzen nach oben, und als sie auf die Bänke niedersassen, kam ein Bote Hrodgars - Wulfgar, der Wendeln Fürst - und befragte sie um ihr Begehr.

"Von wo führt ihr Wehr und Waffen her? Noch nie zuvor sah ich Männer mutigeren Ansehns; als Verbannte kommt ihr nicht; - zu tapferen Taten trieb’s euch wohl her?"

"Wir sind Hygelaks Hallgenossen; - Beowulf ist mein Name und meine Botschaft will ich selbst deinem König sagen, wenn er vergönnt, dass wir ihn begrüssen dürfen."

"Ich will den König der Dänen fragen, ob er deine Bitte gewähren will und dir die Antwort sogleich künden," antwortete Wulfgar und eilte in die Halle.

Der weisshaarige Fürst sass auf dem Hochsitz im Kreise seiner Edlen; Wulfgar neigte sich vor ihm und sprach: "Von fern her über die See kamen Geatenleute gefahren; Beowulf nennen sie ihren Gefolgsherrn; sie bitten, mit dir, mein König, reden zu dürfen; weig’re es ihnen nicht; sie scheinen deiner Gunst und Gegenrede wohl würdig zu sein, zumeist ihr Führer."

Der König antwortete: "Beowulf? Ich kannte ihn, da er noch ein Knabe war und Ekgtheow, seinen Vater, dem Hredel, der Geatenkönig, die einzige Tochter zum Weibe gab. So fuhr Beowulf nun übers Meer, den alten Freund aufzusuchen? Seefahrer sagten mir, dass er in der Faust die Kraft von dreissig Männern habe. Mir ahnt, Allvater sandte ihn uns wider Grendel. Seiner Kühnheit will ich lohnen. Bitte sie nun eilends, einzutreten, und melde ihnen, dass sie uns willkommen sind."

Wulfgar ging und tat, wie ihm geheissen war: "So kommt nun in Helm und Brünne; Schild und Speer lasst einstweilen hier zurück."

Beowulf erhob sich mit seinen Genossen, - nur einige blieben in der Vorhalle und hüteten das Heergerät - folgte Wulfgar in den Saal, ging vor Hrodgars Hochsitz und begrüsste den König: "Heil dir, Hrodgar! - Ich bin Hygelaks Schwestersohn und Gefolgsmann. Von Grendel und seinen Übeltaten hörte ich; Seefahrer erzählten mir, die schöne Heorot stehe leer und nutzlos allen Recken, sobald die Sonne gesunken sei. Da rieten mir unsres Volkes Edelinge, dich aufzusuchen. Sie kennen meine Kraft; oft sahen sie mich blutig aus der Schlacht kommen, wie ich fünf Feinde band; Riesen hab’ ich erschlagen und nachts in den Wellen die Wasserelben getroffen. Nun will ich, einer allein, mit Grendel, dem ungetümen Riesen ins Gericht gehen. Versage du, Schirm der Kämpen, diese Bitte nicht; lass mich mit meinen Speergenossen Heorot des Greuels reinigen. Und weil, wie ich hörte, der Unhold keine Waffen scheut, so gelobe ich - so wahr Hygelak, mein Herr, mir seine Huld bewahre! - weder Schwert noch Brünne, noch goldgebordeten Schild in dem Kampfe zu tragen; mit der blossen Faust will ich den Feind ergreifen und Leid gegen Leid ums Leben ringen. Wen von uns dann der Tod dahinrafft, der trage sein Geschick. Sicherlich, wenn er’s vermag, wird Grendel uns Geaten fressen, wie er Dänen tat. Trifft mich der Tod, so brauchst du um meinen Leib nicht mehr bedacht sein; er wird ihn wegschleppen und in seinem Bau verschlingen, den Leichenbrand dir sparend. Sende Hygelak, wenn ich im Kampfe falle, die meine Brust beschirmte, die beste der Brünnen, das köstlichste Heergerät; sie ist Hredels Nachlass; und Wielands Werk. Das Schicksal geht seinen Weg."

"Also Kämpfens halber kommst du, Freund Beowulf, und um die Ehre zu mehren," antwortete der König. "So war auch dein Vater; als ich, obwohl noch ein Jüngling, hier zu herrschen begann - denn Heorogar, mein älterer Bruder, lag tot -, suchte Ekgtheow einmal Schutz bei uns Dänen. Da hab’ ich mit Gold seine Fehde gesühnt und beigelegt. - Es fällt meinem Herzen schwer, zu sagen, wie viel Hohn und Bosheit Grendel in diesem Saal wider mich ausübt; mein Burg- und Heervolk ist hingeschwunden, durch Grendel weggetilgt. - Gar oft erboten sich bei der schäumenden Schale die Weigande, hier zur Nacht ihn mit dem Schwert zu erwarten; aber, wann der Tag hereinglänzte, war die Methalle mit Geifer beschmutzt, von Blut überflossen standen alle Bankdielen. Ich hatte der Tapfern um so weniger. Sitze nun zum Schmaus, und wecke beim Met den Männern Sinn und Siegeslust, wie dein Herz dich treibt."

Da wurde den Gästen eine Bank geräumt, wo sie sich zu frohem Ergötzen niederliessen. Der König setzte Beowulf an die Seite seiner Söhne. Ein Degen ging umher mit dem schöngeschmückten Älkrug und schenkte ihnen den schieren Trank. Dazwischen sang ein Sänger sein heiteres Lied, und wie einst widerhallte Heorot von dem Jubel der edlen Dänen und Wedern.

Hunferd, des Königs erster Sänger, hub da ein Streitlied an; ihm war Beowulfs Ankunft leid; denn er liebte es nicht, dass ihn ein andrer an Ruhm übertreffe.

"Bist du der Beowulf, der einst im Wettkampf mit Breka durch die See schwamm? Wo ihr tollkühn in vermessenem Mut euer Leben in den tiefen Wassern wagtet? Weder Freund noch Feind konnten euch abhalten. Da rudertet ihr in den Sund, masset die Meeresstrassen, schlugt die Wasser mit den Händen, über die Tiefen gleitend. Die winterkalte See stürmte und brauste; sieben Nächte schwammt ihr im Wasser. Breka besiegte dich; er hatte mehr Kraft. Die Hochflut warf ihn am nächsten Morgen ans Land, von wo er in seine Heimat eilte, in das Land der Brondinge, wo er über Burg und Volk gebietet. Darum, fürcht’ ich, wird es dir schlecht ergehn, - wie tapfer du dich auch immer im Streite hieltest - wenn du es wagst, hier zur Nacht Grendel zu erwarten."

"Freund Hunferd," entgegnete Beowulf, "was du doch - biertrunken - alles von Breka und seinem Sieg zu erzählen weisst! Fürwahr, ich sage dir, dass ich in jenem Wettstreit mehr vollbracht habe denn irgend ein Mann. Als halberwachsene Knaben gelobten und verbanden wir uns, in der See einmal unser Leben zu wagen; das hielten wir. Das nackte Schwert führten wir in der Hand, da wir in den Wellen schwammen, uns damit der Wale zu erwehren. Weder Breka konnte weg von mir, voranschwimmen, noch wollte ich von ihm fort. Fünf Nächte blieben wir zusammen in der See, bis uns die Flut trennte. Rollende Wogen, eisiges Wetter, neblige Nacht und Nordwind wüteten gegen mich. Kalt waren die Wellen, und Seeungeheuer stiegen auf; dagegen schützte mir die Brust meine geflochtene, golddurchwirkte Brünne. Ein Seetier zog mich hinab mit seinen Griffen; ich erstach den Unhold mit dem Schwert. Sie bedrängten mich hart, die Ungetüme; doch ich diente ihnen mit dem Eisen, wie’s ihnen gebührte. Rottenweise lagen sie am andern Morgen zur Ebbezeit tot auf dem Sand. Die hemmten keinen seefahrenden Mann mehr! - Da kam von Osten licht, des Gottes blinkendes Zeichen, die See ward ruhig; nun konnt’ ich die windigen Küsten erkennen; oft rettet das Schicksal kühnen Mann, wenn seine Kraft es wert ist. Neun Nicker hab’ ich erschlagen; nie hört’ ich von schlimmerem Kampf noch von bedrängterem Mann, und dennoch entging ich den Klauen meiner Angreifer, so müd’ ich war; dann warf mich die Flut bei den Finnen ans Land. - Von dir, Hunferd, hab’ ich nichts dergleichen gehört, und nichts von dem Schreck deines Schwertes! Nicht Breka, noch du, keiner von euch hat je solche Taten vollbracht; - ich sage es nicht aus Ruhmrede. Freilich, du hast deine eignen Brüder erschlagen; das wirst du in Hel büssen so witzig du bist! Wahrlich, Sohn Ekglafs! Nie hätte der arge Grendel so viel Greuel wider deinen Herrn hier verübt, wäre dir Herz und Sinn so schwertgrimm, als du wähnst! Der Unhold fand es wohl aus, dass er eure, der Siegschildinge, Schwerter nicht zu scheuen hat; keinen der Dänenleute verschont er ja; nach Lust bekriegt er sie, würgend und schändend und keinen Widerstand fürchtend. Nun soll ihm ein Geate im Kampf begegnen! Dann eile wieder freudig, wer mag, hierher zur Methalle, sobald das Morgenlicht über die Erde scheint und von Mittag die schimmernde Sonne."

Die Verheissung hörte Hrodgar mit hochgemutem Herzen. Rede und Widerrede, Lachen und Lust erhuben sich aufs neue.

Wealchtheow, Hrodgars Gemahlin, schritt im Saal umher und grüsste die Gäste. Um ihren Nacken trug sie goldenen Halsschmuck, ein köstliches Kleinod. Zuerst reichte sie den Becher dem König, ihn zur Heiterkeit mahnend, dann, weiter schreitend zwischen Edeln und Kriegern, bot sie jedem den Trunk, bis sie mit dem Becher auch zu Beowulf kam. Freundlich grüsste sie ihn, Walvater dankend, dass nun Befreiung von dem Landschaden zu erhoffen sei.

Beowulf nahm den Becher aus der Königin Hand und sprach, des Kampfes begierig: "Als ich den Drachen bestieg, hab’ ich gelobt, dass ich der Dänen Sehnsucht erfüllen wolle oder enden unter des Feindes Griffen, und vollbringen will ich die Tat oder fallen in dieser Halle.

Gut gefiel des Geaten Gelübde der Königsfrau; sie kehrte zurück zu ihrem Sitz an Hrodgars Seite, und von Heiterkeit und Freude erdröhnte die Halle, bis der König aufbrach, die Abendruhe zu suchen; wann die Nacht herniedersank, dann, wusste er, entbrannte tödlicher Kampf in Heorot! Alles Wehrvolk erhob sich, einer grüsste den andern; Hrodgar aber sprach: "Heil dir, Beowulf, deiner Hut vertrau’ ich nun der Häuser bestes. Sei eingedenk der Ehre, erweise deine Kraft und wache wider den Wüterich! Keinen Wunsch versag’ ich dir, wenn du dies Heldenwerk vollbringst."

Dann schritt der König im Geleit seiner Helden hinaus, Wealchtheow hatte schon früher die königliche Schlafhalle gesucht; und der Gast blieb allein mit seinen Gefährten als Saalwart zurück.

4. Der Kampf.

Beowulf legte die eiserne Brünne ab, nahm den Helm vom Haupt und reichte sein Schwert einem Krieger, der seines Heergeräts hüten sollte.

"Nicht geringer als Grendel acht’ ich mich an Grimm und Kraft, darum will ich ihn nicht mit dem Schwert erschlagen; er weiss nichts von Waffen, so erfahren er auch in Neidingstaten ist. Waffenlos wollen wir den nächtlichen Kampf ausfechten; - Siegvater gewähre Sieg, wie gerecht ihm dünkt." Darauf legte er sich nieder auf das Polster, rings um ihn seine Gefährten. Von denen hoffte da wohl keiner die liebe Heimat je wieder zu schauen; allzuviel des Schrecklichen hatten sie von Grendel sagen hören. Bald lagen sie im Schlaf; nur Beowulf wachte.

Da kam vom Moor her im Nebel Grendel gegen das goldziere Haus gegangen; er hoffte sicher, einen oder den andern in der Halle meuchlings zu beschleichen. Er schritt die Stufen empor; die mit eisernen Riegeln gefertigte Tür erbrach er mit gewaltigem Druck seiner Fäuste, gieriges Feuer flackerte aus seinen Augen; ein geräumiger Handsack hing ihm, aus Drachenfell, mit Zauberkünsten gefertigt, am Gürtelriemen befestigt, nieder; - da hinein pflegte er seine Beute zu stecken. Er schritt über den buntfarbigen Estrich in den Metsaal. Da sah er die schlafenden Helden liegen, und der Unhold lachte in seinem Herzen; alle dachte er zu erwürgen. Doch andres beschied ihm das Schicksal.

Den Nächstliegenden ergriff der Räuber, riss ihn in zwei Teile, zerbiss sein Gebein, trank sein Blut und verschlang grosse Stücke des Fleisches, nur Hände und Füsse liess er übrig. Nun trat er an Beowulfs Lager und griff nach ihm; aber schnell fasste der Recke, sich auf den einen Arm stützend, des Riesen Faust mit überwältigendem Handgriff.

Da fühlte Grendel, dass er noch nie einem Manne von so grosser Kraft begegnet war. Er erschrak in seinem Herzen und wollte zurück in die Nacht entfliehen. Doch er konnte es nicht; Beowulf hielt ihn fest gefasst, hurtig sprang er auf und, den Riesen rückwärts stossend, zerbrach er ihm die Finger und begann grimmig mit ihm zu ringen. Gern wäre der Schadenstifter entwichen in Sumpf und See.

Die Halle schütterte von dem wütenden Kampf, aber weil sie sorglich mit Eisenklammern von aussen und innen umschmiedet war, stand sie fest; doch von den goldbeschlagenen, am Boden gefesteten Metbänken brach manche krachend zusammen. Dazu stiess Grendel ein grausiges Geschrei aus; Schrecken rüttelte die Männer, die auf dem Burgwall die brüllenden Jammerlaute des sieglosen Unholds hörten.

Beowulfs Gefährten fuhren vom Schlaf auf und schwangen die Schwerter, ihrem lieben Herrn zu helfen; aber vergebens, kein Eisen mochte Grendel verwunden; doch kam er nicht los aus Beowulfs Händen; voll tödlichen Hasses ertrug er grässliche Schmerzen und zerrte und zog, seine Faust aus Beowulfs Griff zu befreien; da klaffte ihm eine Wunde an der Achsel, die Sehnen zerrissen, Fleisch und Bein barst und brach, und die Faust samt Achsel blieb in Beowulfs Hand; todwund aber floh Grendel hinaus übers Moor in seinen Meersaal.

Heorot war gesäubert und zum klaren Zeichen des Sieges heftete Beowulf die Riesenfaust allen zur Schau mitten unter die Decke der Methalle.

5. Dank und Gabenspende.

Die Siegeskunde flog von Mund zu Mund; im Frühlicht eilten die Dänen zur Halle, über weite Wege zogen die Volksführer herbei und schauten staunend das grause Siegeszeichen und Grendels Fussstapfen, wie er zurückgeflohen war übers Moor und über Steinklippen hinab in Meerestiefe. Die Brandung wallte blutigrot, die Wogen stockten in starrenden Blutlachen; der Landschade war vernichtet! Frohen Mutes ritten alt und jung von der schaurigen Meeresklippe zurück zur Königsburg, laut preisend Beowulfs Heldentat. Im Wettspiel liessen sie die falben Mähren über die kiesigen Wege rennen; der Sänger sang ein Lied von Beowulfs Kühnheit und Kraft. Und immer wieder strömten Neugierige in die Halle.

Dahin schritt nun auch im hellen Morgenschein der König mit seinen Gefolgen und die Königin im Geleit ihrer Mägde. Hrodgar stand auf dem Hochsitz, schaute empor an die goldene Decke, wo Grendels Hand hing und sprach: "Dem Allwaltenden sei dieses Anblicks Dank gesagt! Grimmes Leid hab’ ich von Grendel erdulden müssen. Noch ist’s nicht lang, dass ich wähnte, erblickte ich diese Halle blutbeschmutzt, niemals Lösung davon zu gewinnen! Schauet! Ein Held vollbrachte nun, was wir alle nicht vermochten. Wahrlich! Lebt sie noch, die diesen Weigand gebar, heut mag sie sich des Kindes rühmen. Nun will ich dich, Beowulf, wie meinen eignen Sohn lieben; halte dies neue Sippe-Band in Ehren! Nichts gebreche dir der Wunschgüter, über die ich Gewalt habe. Ewig wird dein Ruhm leben um dieser tapfern Tat willen." "Freudigen Herzens hab’ ich sie getan," antwortete Beowulf, "und mein Leben an seine Kraft gewagt. Möchtest du den Schrecklichen doch sehen können! Gern hätt’ ich ihn gebunden. Doch das ward mir nicht beschieden; nur die Faust musst’ er mir lassen. Aber dem Elenden nützt sein Entrinnen nichts; die schmerzhafte Wunde hält ihn gefangen und unter Qualen muss der Unhold sein Ende erwarten."

Alle betrachteten nun Grendels Faust unter der Decke; an den Fingern starrten statt der Nägel eiserne Krallen, und einmütig gestanden sie; da habe freilich härtestes Eisen an dem Ungetüm nicht haften können.

Hurtig wurde der Saal nun gesäubert und geschmückt; Frauen und Männer regten die Hände; an den Wänden hängten sie goldschimmernde, bunte Decken auf; denn der Bau war bei dem fürchterlichen Ringen rissig geworden, die Türangeln waren ausgebrochen, nur das Dach stand unversehrt, weil Grendel zeitig die Flucht ergriffen hatte, am Leben verzweifelnd. "Denn nicht leicht ist es, dem Tod zu entfliehen! Versuch’s, wer es will; ein jeder muss einst das enge Bett suchen, wo sein Leib nach des Lebens Fröhlichkeit schläft; ihn zwingt die Not."

Als nun Zeit und Stunde des Festes kam, da sass Hrodgar auf dem Hochsitz, nah ihm Hrodulf, sein Neffe; Hredrik und Hrodmund, des Könige junge Söhne, und ihre Gespielen zogen Beowulf in ihre Mitte. Da sah man der Schildinge zahlreiche Gesippen und der Dänen Edelinge freundlich mit ihren Gästen beisammensitzen; die Halle war ganz von Männern erfüllt. Fleissig kreiste der Metkrug und weder Verrat noch Gewalttat störte das Fest. Der König reichte Beowulf als Siegeslohn ein goldenes Banner, dazu Helm und Brünne und ein kostbares Kampfschwert. Ein Eberbild schützte und schmückte das von Metallfäden umsponnene Dach des Helmes. Darauf liess Hrodgar acht geschirrte Schlachtrosse in den Burghof führen; auf einem lag ein schöngeformter, mit Edelsteinen gezierter Sattel, der war des Könige eigner Heersessel, wann er in den Kampf ritt. Waffen wie Rosse übergab er Beowulf, dass er dich ihrer erfreue. Auch dessen Segelbrüdern reichte der milde Fürst wertvolle Gaben; den einen aber, den Grendel meuchlings ermordet hatte, liess er ihm mit Gold aufwägen.

Da war viel Schall und Klang froher Stimmen, und freudig wurde der Sänger mit der Harfe begrüsst; der hob nun an, alte Lieder zu singen, die sie stets wieder gerne hörten.

Der Sänger begann von dem Überfall in Finnsburg stand sein Hochsitz. Hildburg, die Königin, war die Tochter Hoks, eines Dänenfürsten, und, vielleicht um alte Fehde der Völker beizulegen, Finn vermählt worden. Hnäf, Hildburgs Bruder, nun Herrscher der Dänen, samt sechzig Gefolgen, darunter auch Hengest der Seefahrer, mit einigen seiner Jüten, weilten als Gäste bei Finn. Vielleicht war mit Zorn- oder Schmähreden der alten Blutfehde zwischen den versöhnten Völkerschaften gedacht worden und so der Hader aufs neue entbrannt? Denn verräterisch überfielen zur Nacht Hnäf und Hengest die Finnsburg. Greller Feuerschein - die Dänen hatten Brände in den Bau geworfen - schreckte den Schlaf von Finns Augen; laut auf schrie der König: "Das ist nicht der von Osten kommende Tag noch eines Drachen Feuerflug, und doch flammt es wie Frührot; getäuscht singen die erwachten Vöglein, dröhnend hallen Speerstösse wider Holz. Noch wandelt der Mond zwischen Wolken, und Mordtaten geschehen nun um des alten Hasses willen. Erwacht, meine Weigande, haltet eure Lande, steht einmütig dem Feind." Da fuhren die Mannen vom Lager auf und gürteten sich mit den Waffen; Sigeferd und Eaha, zwei tapfere Helden Finns, eilten mit geschwungenen Schwertern an das Tor der Halle, das von aussen zu erstürmen suchten Oslaf und Gudlaf, die Dänen, und Hengest. "Wer hält das Tor?" rief Garulf, Gudlafs Sohn. "Ich, Sigeferd, ein schlachtkundiger Recke, das sollst du nun erproben."

In grimmem Streit ward jetzt um das Tor gekämpft; manche hatten den Schild, andre die Brünne vergessen anzulegen, so sehr eilten sie in den Kampf. Der Burgflur erdröhnte von krachenden Schilden und Schwerthieben, als Garulf unter Sigeferds Streichen zusammenbrach und tot um ihn lagen viele tapfere Feinde; von Helm und Eisen stoben die Funken; Hnäfs wildmütige Dänen vergalten nun im Rachekampf Sang und reinen Mut des jungen gefallenen Edelings, der ihrer aller Freude gewesen war. Sie fochten fünf Tage, keiner von ihnen fiel und sie gewannen das Tor. Da wandte sich Hnäf von der Walstatt; die Brünne zerhauen, den Helm zerspalten, Schild und Speer zersplittert, schartig und stumpf das Schwert, todwund sein Leib; er ging zu sterben. Aber vom Speer durchbohrt lagen auch Finns Söhne, und der Kampf hatte alle seine Edelinge verschlungen, bis auf so wenige, dass er sich nicht mehr vor Hengest, der nun die Feinde führte, behaupten konnte. Da boten die Friesen Vergleich an; die Hälfte ihrer Huben mit Halle und Hochsitz wollten sie Hengest einräumen, und Finn sollte dann gleiche Gaben austeilen unter Friesen wie Dänen.

Mit Eiden wurde der Friede gefestigt, und Hengest gelobte Finn mit unverbrüchlichem Schwur, dass keiner der Seinen je mit Worten noch Werken den Frieden brechen sollte. Wofern aber ein Friese mit frecher Rede den verderblichen Hass erneue, sollte er’s mit dem Schwert büssen. So schwuren sie den Eid und Finn teilte allen Gold zur Sühne aus. Ein Scheiterhaufen wurde geschichtet, die Gebeine der Toten zu verbrennen; Hnäf legten sie oben darauf in blutiger Brünne und goldenem Eberhelm, um ihn die andern Gefallenen; da befahl Hildburg, auch ihre Söhne auf die Scheiter zu betten an Hnäfs Seite. Ein gramvoll Weib stand sie dabei, die eignen Kinder und den Bruder zugleich beklagend. Bis zu den Wolken empor stieg der Brand, die gierige Lohe verschlang alle im Kampf Gefallenen.

Die Dänen verteilten sich über Friesland in die ihnen zugewiesenen Höfe; Hengest blieb bei Finn, er versäumte die Herbstzeit, wann er den Schiffs-Steven hätte heimwenden können, bis der Winter kam mit Sturm und Eis und die Heerwege sperrte; so überwinterte er in Finnland. Aber auch als der Frühling kam, der zur Heimkehr einlud, hielten ihn heimliche Rachegedanken zurück. Der beschworenen Frieden zwar mochte er nicht brechen; aber er hoffte, die Friesen, der Fremdlinge überdrüssig, würden die Zwietracht zuerst beginnen, dann musste er Gelegenheit zur Rache für Hnäfs Fall finden. Auch ihm war sein Geschick schon zugemessen; Finn liess ihm heimlich mit dem Schwerte die Brust durchbohren und auch seine Gefolgen ermorden. Gudlaf und Oslaf entrannen übers Meer, kamen aber mit einem grossen Heere zurück. Laut klagten sie wider Finn um Mord an Hengest und griffen ihn in seiner Burg an. Mutvoll, jedoch vergebens verteidigte sich Finn; er selbst ward erschlagen, Hildburg gefangen weggeführt; alle Habe des Königs, - Baugen, Münzen, kostbare Steine - soviel sie deren in Finnsburg fanden, raubten die Edelinge und brachten Hildburg übers Meer zurück nach Dänemark."

Das Lied war verhallt; in frohen Jubel brachen die Lauscher aus und entfesselt stieg die Lust beim Mahle; die Schänken gossen Wein aus schönen Krügen. Da schritt auch Freaware, des Königs holde Tochter, zwischen den Zechenden einher und schenkte den älteren Männern Met oder Wein. Sie war Ingeld, einem Hädobardenfürsten, verlobt. Hrodgar hatte Ingelds Vater im Kampfe getötet und dessen Reich sich unterworfen; nun sollte die Braut Frieden und Freundschaft sichern. Und Wealchtheow, die Königin, kam unter goldenem Reif gegangen, schritt dahin, wo Hrodgar sass, bot ihm den Becher und sprach: "Nimm diesen Becher, mein Fürst und Herr! Glücklich und ruhmvoll sei immerdar, männerfreundlicher Schatzverteiler! In Wort und Tat erweise dich hold den Geaten. Friede hast du nun nah und fern; geniesse des Lebens Freuden, solange dir’s gewährt ist - und wenn du dann von hinnen fahren musst, lass deinen Söhnen Volk und Krone. Dem Schutze Hrodulfs überweis’ ich die Jugendlichen, scheidest du früher als er aus der Welt; - ich vertraue, er wird dann unsern Söhnen vergelten, was wir einst ihm, dem Knaben, an Ehren und Freuden angetan." Dann wandte sie sich zu der Bank der Jugend, wo Beowulf bei Hredrik und Hrodmund sass. Ihm brachte sie den Becher und legte ihm mit freundlichen Worten zwei goldene Armreife an, reichte ihm Gewand und Ringe und eine Halsbauge; schönere ist nie bei Erdenvölkern gesehen. "Nimm und trage Bauge wie Kleid zu deinem Heil, lieber Held Beowulf; leb’ und gedeihe! Und meinen Knaben sei treu und mildgesinnt; ich will dir’s lohnen. Dich ehren fortan alle Männer nah und fern, soweit das Weltmeer windige Küsten umwallt. Sei glücklich, Edeling, solang du lebst!" -

Sie kehrte zu ihrem Sitz zurück. Schmausend und trinkend bis zum Abend sassen die Männer - nicht ahnend, was das Schicksal wirkte; - da ging der König zur Ruhe in seine eigne Halle. Zahlreiche Edelinge blieben zur Nachtwache in Heorot, wie sie früher getan. Bänke und Tische räumte man auf die Seite und breitete Decken und Polster auf dem Estrich aus. Von Met müde sank da mancher Recke in den Schlaf. Zu ihren Häuptern stellten sie die Holzschilde, auf den Bänken lagen Helme und Brünne. So war ihr Gebrauch daheim wie in der Fremde, dass sie stets kampfbereit waren, wann immer der König ihrer bedurfte; - das war ein dienstfreudiges Volk!

6. Grendels Mutter.

Aber Grendel lebte eine Rächerin: die Mutter dem Sohn. Raubgierig und grimmigen Mutes schritt sie den Rachegang in die Halle, wo die Kämpen schlafend lagen. In jähem Schrecken fuhren Wächter und Edelinge auf, griffen nach Schild und Schwert - keiner dachte in der Angst daran, Helm und Brünne anzulegen - und schwangen die Waffe empor gegen die Riesin. Da wandte sie sich voll Angst, zu entfliehen; die blutige Faust riss sie noch von der Decke. Schon aber hatte sie einen der Schlafenden gepackt - er war Hrodgars liebster Held - und eilte mit ihrer Beute fort.

Beowulf schlief nicht in der Halle; man hatte ihm ein eignes Gemach eingeräumt. Lärm und Wehrufe erfüllten die Burg. Dem König ward die Kunde gesagt; er eilte in den Saal und hörte voll Grames den grausen Tod seines Freundes. Alsbald wurde Beowulf gerufen; - der Morgen dämmerte kaum, da eilte er vor den greisen König, ihn höflich fragend, ob die Nacht ihm nicht wohl bekommen sei?

"Frage nicht nach meinem Ergehen," - antwortete Hrodgar - "tot ist Äskher, mein Ratgeber und Speergenosse (Achselkämpfer), sooft wir im Kampfe standen. Gut, wie er war, sollte jeder Held sein! Hier im Saal hat ihn ein Ungetüm erwürgt, Grendel rächend und die alte Fehde erneuend. Meine Hand, die euch jeglichen Wunsch erfüllen möchte, ward zu schwach! - Von Landleuten hört’ ich einmal hier im Saal erzählen, dass sie zwei wunderliche Wichte übers Moor schreiten sahen, gewaltige Ungetüme; das eine glich - wie sie meinten - einem Weibe; hoch wie ein Mann ging das andre einsame Wege, aber menschliche Grösse weit überragend. Seit uralten Tagen nannten die Gaubewohner ihn Grendel. Niemand kennt ihre Sippe. In Wolfsschluchten hausen die Unholde, auf windigen Klippen, in gefährlichen Sumpflöchern und dort, wo Bergströme zwischen Geklüft niederstürzen und das Land unterwühlen. Nicht weit von hier ist’s bis zum Meer, wo ein düstrer Hain steht mit knorrigen Wurzeln, das Wasser überschattend ("überhelmend"). Allnächtlich kann man dort ein schauerliches Wunder sehen; Feuer ist in der Flut! Aber niemand lebt, der je die Tiefe erforscht hätte. Wenn der hornstarke Hirsch, von Hunden gehetzt, dahin flieht, lässt er eher sein Leben dort am Ufer, als dass er sich in jenem Wald berge. Dort ist’s nicht geheuer! Dunkel und trübe steigen die Wellen gegen die Wolken empor, wann der Sturm in bösen Wettern tobt und die Luft sich verfinstert. Du allein kannst wieder helfen! Den gefährlichen Ort kennst du noch nicht, wo du das Scheusal finden magst; such’s, wenn du’s wagst. Herrlich will ich dir den Kampf lohnen, kehrst du wieder."

"Fasse dich, weiser Fürst," antwortete Beowulf, "mehr frommt’s, einen Freund rächen, als ihn viel betrauern. Jeden erwartet sein Lebensende; wer’s vermag, der vollbringe Heldentat; das taugt dem Mann am meisten dereinst nach dem Tod. Auf! Lass uns hurtig die Spur von Grendels Mutter suchen. Sie soll keinen Schutz vor mir finden, nicht im Schoss der Erde noch im Bergwald noch auf des Meeres Grund, wohin sie auch floh. Das schwör’ ich dir! Gedulde dich nur noch diesen Tag."

Der Greis erhob sich, dankte den Göttern für Beowulfs Gelöbnis und befahl, den Hengst zu zäumen. Gerüstet ritt der König einer Schar kampflustiger Recken voran. Die Fussspur war auf den Waldwegen deutlich zu sehen, sie lief gerad’ hinaus übers düstre Moor. Die Riesin hatte den toten Äskher mitgeschleift. Bald mussten sie über steile Felshänge auf schmalen, ihnen unbekannten Pfaden wandern und über schroff abfallende Klippen, wo Nicker hausten.

Hrodgar ritt mit wenigen Freunden spähend voraus, bis die auf einen Hügel kamen, wo ragende Bäume graues Gestein überschatteten. Unten die Meerflut war trübe von Blut, und Äskhers blutiges Haupt stak auf einer Holmklippe; mit bitterem Weh schauten es die Schildinge; sie stiessen in die Hörner und bliesen mit langgezogenen Tönen eine schaurige Totenklage. Alle sassen nieder. In den Wellen aber sahen sie allerlei Schlangen, seltsame Seedrachen sich tummeln und Nixe auf den Klippen lauern. Eiligst entfloh all das Ungetier vor dem gellenden Horn. Einem schoss Beowulf mit dem Pfeil in die Weiche; sterbend versuchte es, noch davonzuschwimmen, aber noch lebend wurde das scheussliche Wassertier mit hakigen Saufängern auf den Strand gezogen und voll Staunen betrachtet.

7. Der Kampf im Meer.

Rasch bewehrte sich Beowulf mit seiner Brünne; - sie schützte ihm sie Brust gegen Bisse, wie der Eberhelm das Haupt. Hunferd lieh ihm sein altererbtes Schwert, Hrunting hiess es. Die Klinge war von Eisen, mit Gift gebeizt und in Blut gehärtet; nie hatte es im Kampf getrogen.

Längst reuten Hunferd sie bösen Worte, sie er, weintrunken, geredet hatte; sich selbst fühlte er nicht stark genug zu dem Kampf in kühler Flut; - so lieh er neidlos dem Kühnern seine Waffe.

"Sohn Healfdens," sprach Beowulf, "gedenke nun, was wir gestern sprachen; du wollest mir an Vaters Stelle sein, Hrodgar, lieber Fürst; sei, wenn ich falle, meinen Gefährten ein Schirmherr. Die Schätze, die du mir gegeben hast, sende Hygelak, damit er erkenne, wenn er die Gaben bewundert, welch freigiebigen Herrn ich hier fand. Hunferd aber habe zum Ersatz das Schwert, welches du mir reichtest. Nun will ich mir Ruhm erringen oder mich halte der Tod."

Ohne die Antwort abzuwarten, eilte Beowulf ans Ufer und tauchte hinunter in die wallende Brandung. Eine Weile dauerte es, bevor er des Meeres Grund erkennen konnte. Da sah die hassgrimme Seewölfin, wie ein Mann von oben herab ihre Höhne auszuforschen strebte. Sofort fuhr sie ihm entgegen mit ihren Krallen, doch vergebens versuchte sie mit ihren greulichen Fingern des Helden Brünne zu zerkratzen; ihm geschah kein Leid.

Da zog sie ihn nieder auf den Meergrund und zerrte ihn in ihren Saal. Dabei fielen ihn von allen Seiten wunderliche Seetiere an und zerbissen mit Fangzähnen sein Heerkleid, die Arme ihm hemmend, so dass er gar nicht sein Schwert gebrauchen konnte. Nun sah er, dass sie beide in einen Meersaal gekommen waren, wo hinein kein Wasser drang; oben wölbte sich eine Decke, über derselben wallte die Flut. Mit bleichem Schein erleuchtete ein Feuer die Halle; dabei erkannte er das riesische Meerweib. Mutig schwang er das Schwert, und sausend fuhr ihr die Klinge ums Haupt, aber sie biss nicht ein in der Unholdin Leib. Verächtlich warf Beowulf das Schwert hin und vertraute der Stärke seiner Hände. So soll ein Mann, will er Sieg gewinnen, nicht verzagend um sein Leben sorgen!

Er packte die Riesin bei den Schultern; - ihm kam nun der Zorn; - und schüttelte sie, dass sie zu Boden stürzte. Aber sie hielt ihn mit den fürchterlichen Griffen umkrallt und rang mit ihm, bis er, ermattend, strauchelte und fiel. Da richtete die Riesin sich auf und zog ihr breites Messer, seine Brust zu durchstossen. Und sicher wäre da Beowulf erlegen, hätte ihn nicht die feste Brünne geschützt und - Siegvater. So gelang es dem Helden, wieder aufzustehn; da sah er, unter anderem Hallgerät, ein Riesenschwert an der Wand hängen, so gross, dass es kaum ein Mann hätte führen können. Grimmen Mutes fasste er die Hilze, schwang das Schwert empor und schlug dem Weib so wild auf den Nacken, dass ihr der Rückenwirbel brach und das Eisen sausend durch ihr Fleisch fuhr. Tot stürzte sie zu Boden. Nun schaute der Held im Schein des flackernden Feuers die Halle entlang, nach Grendel spähend; fest hielt er das bluttriefende Schwert gefasst; er wollte ihm seine Mordfrevel vergelten.

Da sah er den Meerriesen starr und leblos auf der Bank liegen; mit mutigem Hieb schnitt er ihm das Haupt vom Rumpfe.

Derweilen standen oben die Schildinge und merkten, wie das Wasser sich dicker und klebriger mit Blut mischte und sprachen, nun sei keine Hoffnung auf Beowulfs Wiederkunft mehr; die Seewölfin habe ihn zerrissen. Bis zum Mittag warteten sie; dann kehrte Hrodgar mit seinen Gefolgen heim. Die Geaten aber blieben auf der Klippe zurück und starrten traurigen Herzens in die Brandung; sie hofften nicht mehr, ihren lieben Herrn wiederzuschauen.

Unten im Meersaal aber stand Beowulf und sah mit Staunen, wie ihm das Riesenschwert in der Hand zerschmolz von dem Blute der beiden Erschlagenen; so heiss und giftig war es. Von all den Schätzen, die er in der Halle fand, nahm er nichts mit, als Grendels Haupt und die Hilze des zerronnenen Schwertes. Er tauchte wieder aufwärts und schwamm, seiner Beute froh, ans Land. Da erblickten ihn seine Gefährten und eilten ihm entgegen, begrüssten ihn jubelnd und lösten ihm Helm und Brünne; Blut und Wasser rannen von seinem Leibe nieder. Freudig machten sie sich dann auf den Heimweg. Vier von ihnen trugen auf einem Ger Grendels Haupt; denn einem war es zu schwer. Beowulf ging in ihrer Mitte; so schritten sie in die Methalle; entsetzt schauten Frauen und Männer das Riesenhaupt.

"Sieh hier, mein König," sprach Beowulf, "was ich dir bringe als Zeichen des gewaltigen Kampfes da unten im Meersaal; schier wär’ er mir zum Unglück geraten. Mit Hrunting konnt’ ich nichts ausrichten; da zeigte mir - in der höchsten Not! - der Waltende ein gewaltig Schwert an der Wand hängen; ich riss es herab und erschlug die Riesin. Bis auf diese Hilze hier ist das Eisen von ihrem Blute zerronnen. Sorglos magst du nun in deiner Burg schlafen mit deiner Gefolgen."

Da wurde die goldene Hilze "das alte Enzen-Werk", dem greisen König überreicht. Eine bunte Schlange war darin eingelegt, und mit Runenstäben stand auf dem lichten Golde verzeichnet der alte Streit zwischen Asen und Reifriesen, und für wen das Schwert geschmiedet war.

"Beowulf," hub Hrodgar an, "dein Ruhm wird durch die Völker wandern! Du vereinst Macht und Weisheit. Fünfzig Jahr habe ich über die Dänen gewaltet, und sie wehrlich geschirmt, dass ich mir keinen Feind unter dem Himmel wähnte. Aber welcher Jammer nach all’ dem Jubel geschah mir, seit Grendel hier allnächtlich einkehrte! Den Göttern Dank, dass ich sein blutendes Haupt schauen durfte! Geh’ hin zum Sitz und geniesse des Gastmahls Lust." Die währte bis an den Abend, wann sich alle sorgenfrei dem Schlaf überliessen.

8. Der Abschied.

Früh am nächsten Morgen rüsteten die Geaten zur Heimreise. Beowulf gab Hunferd das geliehene Schwert zurück, mit keinem Wort es tadelnd. Dann ging er und nahm von Hrodgar Urlaub.

"Nun will ich heimkehren zu Hygelak," sprach er. "Gut und hold warst du gegen uns, und wenn ich dir je wieder Herz und Gemüt erfreuen kann, so bin ich stets zum Kampf bereit. Und hör’ ich über der See, dass dich Nachbarn bedrängen, dann bring’ ich dir tausend tapfere Recken zu Hilfe; auch Hygelak, weiss ich, wird gern dazu helfen. Kommt aber einmal Hredrik, dein Sohn, zu uns Geaten herüber, dann soll er viele Freunde finden. Wer selber stark, mag ruhig die Fremde suchen."

"Nie hört’ ich so weises Wort aus so jugendlichem Mund. Erlischt Hygelaks Geschlecht, so könnten die Geaten keinen bessern König erkiesen als dich. Je länger, je mehr lern’ ich dich lieben, Beowulf. Du hast den Frieden zwischen Dänen und Geaten gefestigt, und der Hass, der sie früher entzweite, ist erloschen für immer. Gold und Schätze wollen wir gemeinsam besitzen. Manchmal besuche einer den andern über die See, und das Schiff trage freundliche Gaben von Land zu Land."

Und abermals gab er ihm zwölf köstliche Geschenke, dann umschlang er mit den Händen Beowulfs Nacken und küsste ihn; helle Zähren liefen in seinen weissen Bart hinab. Eine gute Heimkehr wünschte er ihm, aber noch sehnlicher, Beowulf wieder zu sehen, so lieb hatte er ihn gewonnen.

Die Geaten schritten nun zum Strande hinab, wo ihr Schiff vor Anker lag. Auf dem Wege priesen sie Hrodgars reiche Gaben; der war ein guter König, in allem untadelig.

Der Strandvogt - sobald er die Gäste kommen sah - ritt ihnen mit Willkommenruf entgegen und geleitete sie zu ihrem Schiff. Hurtig wurde das mit den Rüstungen, Rossen und Schätzen beladen. Dem Bootwart schenkte Beowulf zum Dank ein Schwert mit goldenem Griff. Dann folgte er seinen Gefährten, stieg ins Schiff und stiess es hinaus ins Tiefwasser. Das Segel ward ausgespannt; es blähte sich vor dem Wind, der Kiel erdröhnte und, den Bug von Wellen umschäumt, flog der Segler über die Salzflut, bis die heimatlichen Gestade vor den Blicken der Seefahrer auftauchten. Bald schoss der Kiel empor und lag schaukelnd am Strand.

Der Küstenwächter, der ihre Fahrt längst beobachtet hatte, stand schon bereit; er zog den bauchigen Drachen auf den Sand und festigte ihn mit Ankern. Dann befahl er seinen Leuten, Beowulfs Rosse und Schätze ans Land zu schaffen.

9. Die Heimkehr.

Nah der Düne lag Hygelaks Königshaus; hoch und geräumig war die Methalle. Dem König zur Seite waltete darin Hygd, Häreds Tochter, sein junges, wohlgestrenges Gemahl. Weder allzu vertraut tat sie mit den Leuten, noch kargte sie mit Lohn und Geschenken.

Die Sonne schien von Süden, als die Heimgekehrten landeinwärts zu Hygelaks Burg kamen. Ein Bote war ihnen vorausgeeilt und hatte dem König Beowulfs Rückkunft schon gemeldet, "er folge ihm auf dem Fusse". Da trat er schon ein; rasch wurde für die Helden Raum geschafft in der Halle.

Beowulf musste nach der ersten Begrüssung an Hygelaks Seite niedersitzen. Hygd ging mit den Metschänken umher und reichte selbst freundlich und leutselig lautern Trank.

"Wie erging dir’s auf der Reise, lieber Beowulf?" begann der König voll Neugier, "hast du Hrodgar von dem Unhold erlöst? Ich habe mich in Sorge um dich verzehrt; du weisst, wie sehr ich dich bat, den Kampf nicht zu suchen, Grendel fern zu bleiben. Nun sei den Göttern Dank, dass ich dich gesund wieder habe."

"Das will ich dir gern berichten, wie ich und Grendel kampflich einander trafen. Ich vergalt ihm alle seine Freveltaten." Und nun erzählte Beowulf von seinem Kampfe mit den Riesen, von dem Siegesjubel der Dänen, wie sie ihm Feste feierten und ein Gastmahl bereiteten, rühmte Hrodgars Weisheit und Milde, gedachte der Königin und ihrer Kinder, sprach von alten Mären und Liedern, die er in der Halle hatte singen und sagen hören und wie er niemals und nirgendwo grössere Fröhlichkeit beim Met gesehen als dort bei den Dänen.

"Herrliche Geschenke gab mir der König," schloss Beowulf seine Erzählung, "die will ich dir, Hygelak, meinem liebsten Blutsfreund, darbringen!" Dabei überreichte er dem König Eberhelm, Brünne und Schwert: "Die Waffen sind ein altes Erbteil der Schildinge; Heorogar liess sie seinem Sohn Hrodgar; gebrauche du sie siegreich."

Vier gleich grosse, apfelfahle Rosse fügte er dem Geschenk noch hinzu. Den schönen Halsschmuck Wealchtheows aber überreichte er Hygd und dazu drei schlanke schöngesattelte Hengste.

So erwies sich Beowulf Verwandten und Freunden hochherzig und freigiebig. Niemals missbrauchte er seine gewaltige Kraft zu übermässigem Kampf, niemals übermannte ihn Zorn, dass er einen Herdgenossen geschlagen hätte. Lang war er von den Geaten, deren Stamm er ja nur durch seine Mutter angehörte, geringschätzig angesehen worden. Langsam und zögernd schalten sie ihn einst; nun baten sie ihm die Schmährede mit rühmenden Worten ab. Hygelak aber befahl Nägling, das goldgezierte Schwert seines Vaters Hredel, herbeizuholen. Keine bessere Waffe gab’s im Geatenland. Er schenkte es Beowulf und gab ihm Land und Burg mit stolzem Hallenhaus.

III. Der Feuer-Drache.

1. Des Drachen Ausfahrt.

Und nach vielen Jahren ward Beowulf König der Geaten. Nachdem er dieses breiten Reiches wohl an fünfzig Winter gewaltet hatte, führte er nach Hrodgars und Hrodwulfs Tod auch über die Dänen die Oberherrschaft. Haar und Bart waren ihm ergraut.

Da begann ein Drache im Land zu wüten; denn sein Hort, den er in einem Berge, nah der See, bewachte, war beraubt worden. Ein Pfad - niemand bekannt - lief in den Berg. Ein Knecht, der vor den Schlägen seines geatischen Herrn floh, geriet auf den Steig und erschaute den Hort, während der Drache schlief. Da lagen in der Erdhöhle viele uralte Schätze angehäuft. Der friedlose Mann nahm eine kostbare Schale davon und brachte sie seinem Herrn, sich damit Verzeihung zu erkaufen. Der Herr nahm die Sühne an und gewährte dem Knecht Frieden. Als aber der Wurm erwachte, brach seine Wut aus; er beroch das Gestein und witterte bald des Menschen Spur, der bis nah an sein Haupt hingeschritten war. - So mag ein Glücklicher Gewagtes vollbringen, wenn’s ihm der Waltende gewährt. -

Der Wurm suchte eifrig über den Grund hin, um den Menschen zu finden, der ihm im Schlafe Schaden getan. Zornig, wildwütig umkreiste er von aussen den Berg, wieder und wieder; aber bis weithin über die Heide sah er niemand. Er kroch in seine Höhle zurück und zählte seine Schätze; da sah er deutlich, dass er bestohlen war. Ungeduldig erwartete er den Abend, seine Wut schwoll und schwoll; mit Feuer wollte er Land und Leuten den Hortraub vergelten. Als die Nacht kam, fuhr er brennend aus dem Berge; flog, glutenspeiend, über das Land, versengte Höfe und Hallen, und verwüstete alles. Nichts Lebendiges wollte er übrig lassen. Vor Tagesanbruch kehrte er zurück und schoss nieder auf seinen Hort in der Erdhöhle, wo er sich sicher wähnte.

Eilig liefen die Boten mit der Schreckenskunde zu Beowulf; des Königs eignes Haus, wo er vom Hochsitz Gaben zu verteilen pflegte, verschlangen lodernde Flammen. Gram ergriff den guten König; düstere Gedanken beschwerten ihn, als er seines Volkes Land weithin verwüstet sah; grimmig beschloss er’s zu rächen.

Einen Schild, ganz von Eisen, befahl er zu schmieden; kein grosses Heer sollte ihn begleiten, er fürchtete des Wurmes Wut nicht; manch kühnen Kampf, manch gefährlichen Sturm hatte er ja gefochten! Mit elf Gefolgen ging er, den Drachen zu suchen. Er hatte nach der Ursache der Erzürnung des Ungetüms geforscht, und da war ihm die Schale ausgeliefert worden und der Knecht, der sie geraubt und all den Jammer verschuldet hatte; als Dreizehnter, widerwillig, musste der ihnen voranschreiten, den Weg weisend zu der Höhle im Berge nah der See. Auf einer Klippe vor dem Berge hielt Beowulf an und sass nieder. Traurig, todbereit nahm er Abschied von seinen Herdgenossen. Schon trat das letzte Schicksal an des greisen Königs Seite.

"Viele Kämpfe, viel Unheil," begann er, "hab’ ich schon in früher Jugend ausgehalten. Sieben Winter war ich alt, als mich Hredel in seine Halle nahm und gleich seinen Söhnen hielt. Mit meinem Schwert und meiner Treue hab’ ich den Gesippen ihre Liebe vergolten. Alles dessen muss ich gedenken! Mit Beil und Schwert soll mir nun diese Hand des Wurmes Hort erkämpfen. Mass ich mich oft in der Jugend mit tapfern Helden, will ich nun im Alter als meines Volkes Schirmwart auch diese Fehde suchen und den Landschaden vernichten." Einen jeden seiner lieben Genossen grüsste er noch zum letzten Mal.

"Gern ging ich ohne Schwert; aber Gift und Feueratem hab’ ich von dem Wurm zu gewärtigen, deshalb trag’ ich Schild und Brünne. Nicht Fusses breit will ich dem Drachen weichen; ergeh’s, wie’s das Schicksal will! In Brünnen und Waffen erwartet hier vor dem Hügel, wer von uns den Kampf überlebt. Ich gewinne das Gold oder der Tod nimmt euch den König."

2. Der Kampf.

Da erhob sich der kühne Held, nahm Schild und Schwert und schritt unter die Steinklippen. Er fand an der Bergwand einen gewölbten Stein, unter dem brach ein Strom aus dem Berg; das Wasser war heiss von des Drachen Feuerhauch. Niemand konnte, ohne sich zu versengen, in die Höhle gelangen. Erbost rief Beowulf den Wurm zum Kampfe heraus; sein Herz stürmte, grimm und gellend drang seine Stimme unter den hohlen Stein; der Hass war nun zwischen ihnen geweckt. Der Lindwurm erkannte die Menschenstimme; der Hügel erdröhnte und des Unholds heisser Atem fuhr dampfsprühend aus der Höhle. Beowulf schwang seinen Schild empor gegen den grauenhaften, geringelten Wurm, den er zum Streit aufgerüttelt hatte. Das Schwert in der Faust, stand er, ihn erwartend. Der Wurm zog sich, eingekrümmt, rasch zusammen und kam schnaubend und feuerblasend im Bogen geschossen. Der Eisenschild schützte den Mutigen nicht viel vor der Lohe; - doch stolz hob er sein gutes Schwert und schlug nach dem grausigen, buntfarbenen Drachen; die Schneide glitt - ohne tief einzuschneiden - von dem Bein ab, aber der grimme Hieb brachte den Unhold in wilde Wut; er spie brennende Lohe aus; weithin schossen die Feuerstrahlen. Beowulf konnte da in der Not mit seinem Schwert nicht viel ausrichten. Aber er war nicht gewillt, so leicht sein Leben zu lassen, und schon wälzte sich mit neuem Grimm der Wurm, den Hals mit giftigem Atem geschwollen, schnaubend und blasend heran. Da litt der greise Held bittre Not, rings vom Feuer umspieen.

Als Beowulfs Gefolgen draussen den Berg erdröhnen hörten und das wilde Feuer aus der Höhle schiessen sahen, entliefen sie und bargen sich im nahen Gehölz; nur Wiglaf, Weochstans Sohn, sorgte um seines Königs Leben. Er gewahrte, wie sein Herr unter dem hohlen Steine ganz mit Lohe überschüttet stand; - da gedacht’ er all des Guten und der Ehrengeschenke, die er von Beowulf empfangen, und verhielt sie nicht länger, die treue Tapferkeit. Er griff nach Schild und Schwert und rief den flüchtigen Recken nach: "Gedenkt, wie wir so oft Gaben von Beowulf empfingen und sie ihm zu vergelten gelobten, bedürft’ er unser in der Not! Er selbst kor uns aus dem ganzen Heer zu dieser Fahrt, weil er uns für tapfer hielt; wollte er auch allein dies Heldenwerk vollbringen - wie er so viele vollbracht hat! Er bedarf nun unsres Beistandes, ihr Weigande! Lasst uns gehen und ihm helfen wider das feuerspuckende Untier. Lieber soll dann die Lohe auch meinen Leib mit dem meines Herrn verschlingen. Schande uns, trügen wir die Schilde heim, ehe der Drache gefällt und des Königs Leben gerettet! Fürwahr! Das stünde schlecht zu altem Brauch, sollt’ er allein die Gefahr aushalten und fallen im Streit! Schwert, Helm, Brünne und Schild sollen uns beiden gemeinsam sein."

Da rannte er allein - die Flüchtigen kehrten nicht um - durch den Rauch an die Seite seines Herrn und deckte ihn mit seinem Schild: "Beowulf, lieber Herr, halte stand! Wie du schon in der Jugend gelobt hast, solange du lebst, nicht vom Ruhme zu lassen. Nun verteidige dein Leben! Ich helfe dir."

Da kam der Wurm zum andern Mal in Feuerwellen gefahren; aufbrannte lichterloh Wiglafs Holzschild, auch seine Brünne schützte ihn nicht vor der Glut, und hurtig barg er sich hinter Beowulfs Eisenschild. Der hieb nun mit aller Kraft sein Schwert auf des Drachen Haupt; Nägling zerbarst und versagte ihm in der Not. Beowulfs Hand war zu stark; sie hatte das Eisen im Streich übernommen. Und zum dritten Mal griff der Wurm an; Flammen speiend fuhr er gegen den greisen Helden und wand sich ihm beissend um den Hals, dass das Blut Beowulf überspritzte und in Strömen niederrann. Nun erwies sich Wiglafs Treue und Kühne; er wich nicht, ob auch seine Hand verbrannte, er traf mit seinem Schwert den Drachen in die Weiche, dass er ein wenig vom Beissen und Feuerblasen nachliess; und Beowulf, die entschwundene Besinnung wiedergewinnend, zog erbittert sein kurzes Gürtelschwert (Scramasax) und durchschnitt den Wurm in der Mitte; vereint hatten sie ihm Kraft und Leben gebrochen.

3. Beowulfs Tod.

Das war Beowulfs letzter Siegkampf; seine Wunde begann alsbald zu schwellen und zu schwären, er fühlte den giftigen Drachengeifer im Blute brennen. Da ging er, setzte sich an die Bergwand und betrachtete die Riesenhöhle, wie sie Steinbogen im Innern gestützt hielten. Wiglaf schöpfte Wasser, labte den geliebten Gebieter damit und löste ihm den Helm.

Beowulf begann - er wusste genau, dass seiner Tage Zahl abgeronnen, dass es für ihn vorbei war mit der Erde Lust, und der Tod ihm nahte -: "Nun sollt’ ich meinem Sohn diese Waffen schenken, wäre mir einer vergönnt. Fünfzig Winter hab’ ich dieses Land beherrscht; kein Volkskönig unter allen Umwohnenden wagte, mir mit einem Heer zu nahen und mich mit Kriegsschrecken zu bedrängen. In meinem Erbland erwartete ich der Zeit Geschick, hielt das Meine, suchte nicht Streit, schwur nicht Meineide; und der Waltende kann mir nicht meiner Blutsfreunde Mord vorwerfen, wenn sich nun Leben und Leib scheiden. Lauf hurtig unter den hohlen Stein, und suche den Hort, lieber Wiglaf, da der Wurm ja erschlagen liegt. Aber eile sich, dass ich die Schätze noch schaue und leichter dann das Leben lasse und Land und Leute."

Schnell, aufs Wort, gehorchte Wiglaf; da fand er im Berge die Höhle voller Kleinodien; gleissend lag das Gold am Grunde, er sah an der Wand manch Wunder, sah des Wurmes Bett, und uralte Krüge standen da, bestaubt, schon mancher Zier beraubt. Da lagen Helme, alt und rostig, zusammengeschnürte Armringe, und über dem Hort hing ein gülden Banner, mit Siegrunen durchwirkt; von ihm ging ein Lichtstrahl aus, dass Wiglaf den ganzen Erdbau übersehen konnte. Vom Wurm war keine Spur mehr. Da nahm er von dem Riesenhort Becher und Schalen, das Banner und ein erzgeschuhtes Schwert und trug alles eilends zurück zu Beowulf; er fand ihn traurig, dem Tode nah; er wusch ihm aufs neue die Wunde und labte ihn mit Wasser, bis er wieder sprechen konnte. Sorgenvoll schaute der greise Hel auf die Schätze: "Dank sei dem Waltenden für diesen Hort und dass es mir noch vergönnt war, meinem Volke den Schatz zu erwerben. Ich habe mit meinem Leben das Gold bezahlt; mindert ihr nun damit der Leute Not. Ich darf nicht länger hier weilen; einen Hügel wölbt mir auf Hronesnäss, nah der See, dass die Seefahrer, wann sie die Drachen über die Flut steuern, ihn schauend, ‘Beowulfs Burg ihn grüssen."

Er nahm den Halsring - Wealchtheows Gabe - vom Nacken und gab ihn dem jungen Wiglaf, dazu seinen goldgeschmückten Helm und seine Brünne: "Gebrauche sie wohl! Du bist der Endspross unsres Geschlechtes; - Wurd entführte mir alle Freunde zu der Seligen Saal; - ich folge ihnen."

Das war sein letztes Wort, tot lehnte er an der Bergwand.

Jammer befing den jungen Wiglaf, als er den geliebten König sterben sah. Es währte nicht lange, da kehrten die zehn verzagten, treubrüchigen Gesellen, die ihrem Herrn in der Not nicht hatten beistehen wollen, aus dem Walde zurück. Beschämt näherten sie sich dem toten Fürsten und schauten auf Wiglaf, der an des Toten Schultern sass und ihn immer wieder mit Wasser benetzte, vergebens bemüht, das entflohene Leben zu wecken. Verächtlich sah er die Feigherzigen an und sprach: "Fürwahr, dieser milde König, der euch so viel Gaben reichte, euch die Waffen schenkte, in denen ihr hier vor ihm steht - nutzlos hat er all sein Gut an euch vergeudet! - Ich allein konnte ihm nur wenig das Leben schirmen in diesem Kampf; getreulich half ich, aber zu wenig Helfer umstanden den König, als er die Todeswunde empfing. Nun solle es euch an Gold und Waffen gebrechen; - euch und all euren Gesippen! Friedlos, Landrechtes verlustig sollt ihr wandern, erfahren erst rings im Reiche die Leute von eurer Flucht. Der Tod wäre euch besser als solche Schmach." Darauf sandte er die Trauerkunde in die Huben, wo die Männer zusammengeschart sassen, des Tages Ende und Beowulfs Rückkehr erwartend.

"Tot liegt der Geaten Fürst," rief der Bote, unter sie tretend, "vom Biss des Wurmes; ihm zur Seite, hingestreckt von des Königs Messer, der Feuerdrache. Wiglaf sitzt über Beowulf und hält die Totenwache über Freund und Feind. Schwere Zeiten erwarten uns nun; der Franken und Friesen Milde haben wir nicht zu gewärtigen! Und der Schweden Treue bricht, - sorg’ ich, - sobald sie erfahren, dass Beowulf das Leben liess. Auf, eilen wir, den König auf den Scheiterhaufen zu tragen. Keines Mannes Gut braucht mit zu schmelzen; unermessliches Gold birgt der Hort; das haben wir erkauft - mit des guten Königs Leben! Dies Gold soll der Totenbrand verzehren; kein Mann trage die Ringe, kein Mädchen schmücke den Hals damit."

Alles Heervolk erhob sich und eilte weinend an den Berg; da sahen sie ihren König tot auf dem Sand liegen - ihm gegenüber den leidigen Wurm, von der eignen Glut verschwelt; fünfzig Fuss mass er an Länge und neben ihm standen und lagen, rost-zerfressen, Krüge, Schalen, Becher, Schwerte des tausendjährigen Hortes.

Da sprach Wiglaf: "Schauet den Schatz! Eine mächtige Beute trug ich heraus, sie dem König zu zeigen, solange er noch lebte; euch zu grüssen befahl er noch. Auf, ich führe euch hin, wo eure Augen sich übersatt an blankem Golde sehen. Einige von euch bereiten indessen rasch die Bahre."

Und er befahl allen Burgherren, durch ihre Knechte Brandscheite nach Hronesnäss zu führen; "Feuer soll den kühnen Helden verzehren, der oft einen Schauer von Pfeilen aushielt, wann die gefiederten Schäfte sausend vom Strange schnellten."

Sieben der stärksten Recken wählte Wiglaf aus und schritt mit ihnen in den Stein; der zuvörderst ging, trug einen Feuerbrand. Alles, was sie von Schätzen, Gold und Kleinodien fanden, trugen sie heraus. Den Wurm wälzten sie von der Klippe hinab in die See, die ihn verschlang. Der greise Tote ward fortgetragen, der Hort aber auf Wagen geladen und mitgeführt nach Hronesnäss.

Dort errichteten sie einen Scheiterhaufen, umhangen mit Helmen, Heerschilden und Brünnen, und legten in die Mitte Beowulfs Leiche.

Dann entzündeten sie ein Brandfeuer; schwarz stieg der Rauch von den Scheiten auf; - sausend schoss die Lohe empor, untermischt mit den Wehrufen des Volkes, dass voll Gram seines Königs Tod beklagte.

Als das Feuer den Toten verzehrt hatte, wölbten sie einen Hügel auf dem Berge, hoch und weithin sichtbar den Seefahrern. Zehn Tage bauten sie an dem Mal; eine Wallmauer umgab des Königs Asche; Gold, Ringe, edle Steine, alles, was sie aus des Wurmes Bett fortgetragen, bargen sie in dem Hügel und schlossen ihn.

Dann umritten zwölf Recken den Hügel, sangen die Totenklage und priesen in Liedern Beowulfs Mut und ruhmvolle Taten.

Das ganze Volk beklagte ihn als den würdigsten König, den tapfersten Schirmer, den mildesten Mann, den leutseligsten Herrn.



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