Ynglinga Saga 1-17



1. Der Weltkreis, den das Menschenvolk bewohnt, ist durch Meeresbuchten vielfach gegliedert. Große Meere reichen vom Ozean in die Länder hinein. Bekanntlich erstreckt sich vom Nörvasund (=Gibraltar) ein Meer bis zum Jorsalaland (=Heiliges Land, Jorsala=Jerusalem). Von diesem führt eine lange Bucht nach Nordosten. Sie heißt das Schwarze Meer und trennt zwei Erddrittel. Das östliche heißt Asien, und das westliche nennt man Europa, mitunter Enea. Aber nördlich vom Schwarzen Meer erstreckt sich Großschweden (Svíþjóð hin mikla=Russland) oder Kaltschweden. Einige halten Großschwden für nicht kleiner als Groß-Sarazenenland (=Nordafrika). Andere finden es ebenso groß wie Groß-Mohrenland (=Afrika). Der Nordteil Großschwedens ist wegen des Frostes und der Kälte unbevölkert, wie ja auch der Südteil des Mohrenlandes öde ist durch Sonnenbrand. Weit ausgedehnte Landschaften gibt es in Großschweden, Völker mancherlei Art mit vielerlei Sprachen. Riesen leben da und Zwerge, auch Mohren. Völker verschiedener, wunderlicher Art bewohnen es sowie wilde Tiere und Drachen von furchtbarer Größe. Aus dem äußersten Norden indessen, von den Bergen, die jenseits der bewohnten Erde liegen, ergießt sich ein Strom über Schweden hin, dessen Name Tanais (=Don) ist. Vordem nannte man ihn Tanakvisl oder Wanen-Kvisl, der zum Ozean durchs Schwarze Meer strömt. Das Land zwischen den Don-Mündungen ist als Wanenheim oder Wanenland bekannt, und der Strom trennt dei beiden Erdteile: im Osten Asien, im Westen Europa.

2. Das Land Asiens östlich von Tanakvisl hieß Asenland oder Asenheim, und die Hauptstadt Asgard. In dieser Burg aber lebte ein Hövding (=Häuptling) namens Odin, und dort war auch eine große Opferstätte, und Brauch war es, dass zwölf Opferpriester die obersten Goden darstellten, die die Opfer zu leiten hatten und unter den Männern Recht sprachen, Man nannte sie Diar oder Drottnar; ihnen musste das Volk dienen und Verehrung erweisen. Ein großer Kriegsmann war Odin; und weit wanderte er umher; manches Reich wurde ihm untertan; und er war so siegreich, dass er in jedem Streit die Oberhand gewann. So kam es, dass die Menschen meinten, er müsse seiner Natur nach in jeder Schlacht den Sieg gewinnen. Seine Gewohnheit war es , wenn er seine Mannen zu Kampf oder Fahrt losschickte, ihnen vorher die Hände auf’s Haupt zu legen und sie zu segnen. Nun glaubten sie eine glückliche Fahrt zu haben. Bei seinen Leuten war es auch Brauch, sobald sie auf See oder zu Lande in Not waren, seinen Namen anzurufen. Dadurch meinten sie stets Rettung zu finden, denn dort, wo er war, fanden sie, läge auch all ihre Hilfe. Oft zog Odin sehr lange von daheim fort, sodass er manches Jahr auf Wanderungen zubrachte.

3. Zwei Brüder hatte Odin: Ve und Vili. Sie führten die Herrschaft in seiner Abwesenheit. Einst, als Odin weit gewandert war und lange ausblieb, glaubten die Asen, er käme nicht wieder. Da teilten seine Brüder das Erbe: Odins Gattin Frigg aber nahmen sie gemeinsam zur Frau. Blad danach kam Odin zurück und nahm seine Gemahlin wieder in Besitz.

4. Mit einem Heer zog Odin gegen die Wanen; doch die waren gut gerüstet und verteidigten ihr Land; und so siegte bald dieser, bald jener. Beide Völkerschaften verheerten das Land des anderen und fügten sich Schaden zu. Doch als sie des Streites überdrüssig wurden, verabredeten sie eine Zusammenkunft, um sich zu versöhnen. Sie schlossen einen Friedensvertrag und stellten gegenseitig Geiseln. Die Wanen gaben ihre Edelsten heraus: Njörd den Reichen und seinen Sohn Freyr; die Asen aber sandten einen Mann namens Hönir. Sie sagten er eigne sich sehrwohl zum Hövding, denn er war groß und sehr schön. Mit ihm sandten die Asen den Mimir, einen sehr weisen Kerl, und die Wanen stellten dafür den Klügsten aus ihrer Schar, der Kvasir hieß. Als nun Hönir nach Wanenheim kam, machte man ihn dort gleich zum Hövding; Mimir aber beriet ihn in allem. Befand sich aber Hönir auf einem þing oder in einer Versammlung und Mimir war nicht in der Nähe, so antwortete er, sobald es um schwierige Fälle ging, stets in gleicher Art „Andere sollen entscheiden!“, sagte er dann. Da argwöhnten die Wanen, die Asen könnten sie beim Männertausch hintergangen haben, ergriffen Mimir, schlugen ihm den Kopf ab und sandten diesen zu den Asen. Odin nahm das Haupt, bestrich es mit Kräutern, sodass es nicht verwesen konnte, sprach Trollsprüche darüber und verlieh ihm daurch solche Macht , dass es zu ihm redete und mancherlei Verborgenes verriet. Odin machte Njörd und Freyr zu Priestern, und sie waren Diar und Opferer bei den Asen. Njörds Tochter hieß Freyja und war eine Opferpriesterin, die zuerst die Asen den Zauber lehrte, der bei den Wanen Brauch war: Solange Njörd bei den Wanen war, hatte er seine Schwester zur Frau, denn dort war solches rechtens; und ihre Kinder hießen Frey und Freyja. Aber bei den Asen war es verboten, in so naher Verwandtschaft zu heiraten.

5. Ein hoher Bergrücken zieht sich von Nordost nach Südwest, der Großschweden von anderen Reichen trennt. Südlich des Gebirges ist es nicht weit zm Türkenland, und dort hatte Odin große Besitzungen. In jener Zeit zogen römische Hövdinge weit in der Welt umher und unterwarfen alle Völker: Viele Könige flohen vor diesen Kriegsunruhen aus ihren Besitzungen. Weil aber Odin zukunfts- und trollkundig war, wusste er, dass seine Nachkommen im nördlichen Teil der Erde herrschen würden. Da setzte er seine Brüder Ve und Vili über Asgard und zog mit allen Diar und vielem anderen Mannsvolk fort, zuerst westwärts nach Gardarike (=“Reich der Städte“=Westrussland) und dann südwärts nach Saxland (=Norddeutschland), und dort setzte er seine Söhne zum Schutz der Länder ein. Danach zog er nordwärts zur See und nahm Wohnsitz auf einer Insel, und der Ort heißt jetzt Odinsöy (=Odense) auf Fünen. Dann sandte er Gefion über den Sund aus, um neues Land zu suchen. Und sie kam zu König Gylfi, und der gab ihr ein Pflugland. Danach ging sie nach Jötunheim und empfing dort vier Söhne von einem Riesen. Diese verwandelte sie in Ochsen, spannte sie vor den Pflug und ließ das Land nach Westen in die See ziehen, Odense gegenüber. Dieses Land nannte man Seeland, und dort lebte sie von nun an. Skjöld, ein Sohn Odins, nahm sie zur Frau, und sie wirtschafteten dann in Lejre. Dahinter aber blieb ein Wasser übrig oder ein See: der Mälarsee. Die Fjorde des Mälarsees aber entsprechen den Vorgebirgen Seelands. So reimte Bragi der Alte (Bragi Boddason, norwegischer Skalde des 9.Jhd.):

Gefion zog von Gylfis Reich
goldfroh die dänische Scholle.
Von den starken Pflugtieren
dampfte die Luft.
Die Ochsen trugen acht
Augen und vier Köpfe,
als sie vorm feuchten Grasland
pflügend dahinschritten.

Als Odin vernahm, dass im Osten bei Gylfi gutes Land war, zog er dorthin, und schloss Frieden mit Gylfi, denn er fühlte sich nicht kräftig genug zum Widerstand gegen die Asen. Odin und Gylfi trieben miteinander viel Spuk- und Trollkünste, doch behielten die Asen stets die Überhand. Seinen Sitz nahm Odin am Mälarsee in einer Stätte, die jetzt Alt-Sigtuna heißt. Er baute dort einen großen Opfertempel und setze nach Art der Asen Blutopfer ein. Vom ganzen Land nahm er Besitz, das er dann Sigtuna nannte. Den Opfergoden gab er Wohnsitze. Njörd wohnte in Noatun und Frey in Uppsala, Heimdall in Himinbjörg, Thor in Thrudwang, Baldr auf Breidablick; und er vermachte ihnen allen gute Höfe.

6. Als Asa-Odin in die Nordlande kam, und die Diar mit ihm, wird als wahr versichert, dass sie zuerst die Künste und Fertigkeiten ins Land brachten und lehrten, die die Menschen später ausübten. Odin war der Vornehmste von allen, und von ihm lernten sie alle Künste und Fertigkeiten, denn er war der Erste, der sie kannte und besser als die anderen. Auch muss erwähnt werden, dass er so hochgeehrt war, lag daran: Er war schön und edel von Angesicht, wenn er unter seinen Freunden saß, sodass jedem das Herz im Leibe lachte. War er jedoch auf einem Kriegszug, erschien er seinen Feinden ganz furchtbar. Hier war der Grund dafür, dass er es verstand Aussehen und Gestalt nach Belieben zu verändern. Hinzu kam, dass seine Rede so gewandt und geglättet war, dass alle, die ihr lauschten, stets glaubten, sie allein sei wahr. Alles sprach er in Reimen, wie dies noch jetzt in dieser Kunst üblich ist, die man Skaldendichtung nennt. – Odin und seine Opferpriester nannte man Liederschmiede, weil diese Kunst des Dichtens in den Nordlanden von ihnen ausging. Solche Macht hatte Odin, dass er seine Feinde in der Schlacht blind und taub oder gelähmt vor Schreck machen konnte; und ihre Waffen schnitten dann nicht mehr als ein Knüppel. Doch seine eigenen Mannen liefen ohne Brünnen herum, waren so wild wie Hunde oder Wölfe, bissen in ihre Schilde und waren so stark wie Bären oder Stiere. Das Menschenvolk erschlugen sie, und weder Feuer noch Stahl konnten ihnen was anhaben, und dies nannte man Berserkergang.

7. Wenn Odin seine Gestalt ändern wollte, lag sein Körper wie schlafend oder tot; er selbst aber war ein Vogel oder ein wildes Tier, ein Fisch oder eine Schlange; und er konnte in einem Augenblick in ferne Länder in seinen oder Angelegenheiten anderer fahren. Dazu vermochte er durch Worte allein Feuer zu löschen oder die See zu besänftigen; auch konnte er die Winde drehen, nach welcher Seite er wollte. Ein Schiff namens Skidbladnir besaß er, mit dem er über weite Meere fahren und das er wie ein Tuch zusammenfalten konnte. Stets hatte Odin Mimirs Haupt bei sich, und das sagte ihm mancherlei Neuigkeiten aus anderen Welten. Bisweilen erweckte er Tote aus der Erde oder setzte sich unter Gehenkten nieder. Daher nannte man ihn auch Herr der Geister und Gehenkten. Zwei Raben hatte er gezähmt, die zu ihm sprachen, und die flogen weit übers Land und brachten ihm manche Botschaft. Durch all dies wurde er wundersam weise; und alle diese Künste lehrte er durch Runen und Lieder, die man Trollweisen nannte. Daher hießen die Asen auch Trollschmiede. Odin war in einer Kunst erfahren, die größte Macht verlieh – man nennt sie Trollkunst -, und er übte sie selbst aus. Sie verlieh ihm die Gabe, Schicksale der Menschen oder noch zukünftige Ereignisse vorauszusagen, ja den Menschen auch den Tod, ein Unheil oder eine Krankheit zu bescheren. Schließlich vermochte er durch sie jemandem Verstand und Kraft zu nehmen und sie anderen zu verleihen. Allerdings ist mit einer derart ausgeübten Trollkunst viel Ärgernis verbunden, sodass sich die Leute schämten, sie zu betreiben (in christlicher Zeit!). Doch diese Kunst lehrte man vornehmlich die Opferfrauen. Odin wusste von allen vergrabenen Schätzen und wo sie versteckt waren, und kannte auch die Lieder, wodurch sich ihm die Erde öffnete, auch Berge, Felsen und Grabhügel; auch wusste er durch Trollsprüche allein alles zu bannen, was darin wohnte. Er ging auch selbst hinein und nahm sich, was er wollte. Wegen all dieser Künste war Odin berühmt; seine Feinde fürchteten ihn, doch seine Freunde vertrauten fest auf seine Zauberkraft und ihn selbst. Die meisten seiner Künste lehrte er die Opferpriester; und sie kamen ihm an Weisheit und Trollkunde am nächsten. Doch erlangten auch manch andere darin Erfahrung; und so breitete sich das Trollwesen weit aus und wurde lange geübt. Indessen, Odin und diesen zwölf Hövdingen, opferten die Menschen, nannten sie Götter und glaubten noch lange danach an sie. Nach Odin bildete man den Namen Audun, und so nannten die Menschen ihre Söhne; die Namen Thorir oder Thorarinn waren nach Thor gebildet, und auch mit anderen Begriffen wurde Thor in Namen verbunden; und so entstanden Namen wie Steinthor oder Havthor und mancherlei andere.

8. In seinem Land führte Odin Gesetze ein, die seit altersher bei den Asen gebräuchlich waren; so bestimmte er, dass alle Toten verbrannt und ihre bewegliche Habe mit auf den Scheiterhaufen gelegt werden sollten. Er sagte nämlich, jeder solle mit so reichem Besitz nach Walhall gelangen, wie dieser auf seinem Scheiterhaufen gewesen war. Dort sollte er auch Schätze besitzen, die er in der Erde vergraben hatte; die Asche indessen sollte man in die See streuen oder in der Erde vergraben; über Vornehme aber sollte ein Hügel zu ihrem Gedächtnis gewölbt werden; und zur Erinnerung an besonders Mannhafte müsse man Bautasteine errichten, und dieser Brauch hielt sich noch lange nachher. Zur Winterszeit sollte für ein gutes Jahr geopfert werden, gegen Mittwinter aber für das Frühlingswachstum. Das dritte Jahresopfer im Sommer galt den Siegen; und in ganz Schweden zollte man dem Odin Abgaben, jeder jeweils einen Pfennig: dafür sollte er das Land gegen Kriege schützen und sich fürs Volk um ein glückliches Jahr bemühen. Njörd heiratete übrigens eine mit dem Namen Skadi, doch die wollte nicht bei ihm leben, und so vermählte sie sich später mit Odin; und beide hatten viele Söhne, von denen einer Säming hieß, über den Eyvind Skaldespille (Øyvind Skaldespille Finsson, Skalde, ca. 920-990) reimte:

Einen stolzen Sohn
schenkte dem Odin das
Riesenmädchen,
als in Manheim
der Kriegerfreund
seine Wohnung nahm.
Da lebte er mit Njörds Frau.
Und mit dieser Skadi,
der Skiläufer-Disa
und Tochter der Berge,
zeugte Odin
mancherlei Söhne.

Auf Säming führte Håkon Jarl der Mächtige [i9(Hákon Sigurðarson, 935-995)[/i] seine Ahnenreihe zurück; Svitjod (=Schweden) nannte man Manheim, Groß-Schweden indessen Götterheim; und von diesem Götterheim erzählte man sich mancherlei wundersame Geschichte.

9. Daheim in Svitiod starb Odin im Bett, und als er im Sterben lag, ließ er sich mit einer Speerspitze zeichnen und erklärte, alle Waffentoten seien sein Eigentum. Er sagte, er fahre nach Götterheim und werde dort seine Freunde willkommen heißen. Die Svear (=Schweden) glaubten nun, er sei nach dem alten Asgard gelangt und lebe dort für immer. Da fing man an aufs Neue auf Odin zu setzen und seinen Namen anzurufen. Oft meinten die Svear, er zeige sich ihnen vor großen Kämpfen; und einigen verlieh er dann den Sieg, andere rief er zu sich nach Asgard; und beides schien ein glückliches Los. Nach seinem Tod wurde Odin verbrannt, und dies geschah mit großer Pracht. Damals glaubte man, je höher der Rauch in die Luft stiege, um so mehr werde der Verbrannte auch im Himmel erhöht, und er sei dort um so reicher, je mehr Hab und gut mit ihm verbrannt werde. – Alleinherrscher in Schweden wurde nun Njörd von Noatun, und er setzte die Opfer fort. Ihren Herren nannten ihn die Schweden; und er bekam jetzt die Abgaben von ihnen. Zu seiner Zeit herrschte ein wundersamer Frieden, und es kamen Jahre von solcher Fruchtbarkeit, dass die Svear meinten, Njörd habe all dies und den Reichtum der Menschen veranlasst. Zu seiner Zeit starben die meisten der Diar, und man opferte ihnen allen und verbrannte sie dann. Auch Njörd starb daheim auf dem Lager; und er ließ sich auch für Odin zeichnen, ehe er starb. Die Svear verbrannten ihn und trauerten sehr an seinem Hügel.

10. Die Herrschaft nach Njörds Tod erlangte Freyr; er wurde Svear-Herrscher genannt, und man zahlte ihm Königszins. Überall beliebt war er, an Glücksjahren reich wie sein Vater. Einen großen Tempel errichtete er in Uppsala; und dorthin verlegte er seine Hauptstadt und ließ dahin seine Einkünfte und losen Gelder fließen. Damals begann Uppsalas Reichtum, der bislang stets anhielt; zu seiner Zeit fing der Frode-Frieden an, und es gab fruchtbare Jahre in allen Landen. All das führten die Svear auf Freyr zurück, und daher verehrte man ihn mehr als andere Götter, weil zu seiner Zeit das Volk reicher war als je infolge des Friedens und der guten Jahre. Gerd, eine Tochter Gymirs, war seine Ehefrau; und beider Sohn hieß Fjölnir. Ein anderer Name Freyrs war Yngve ; und dieser Name wurde noch lange danach im Geschlecht als Ehrenbezeichnung gebraucht, sodass sich seine Nachkommen später Ynglinge nannten. – Bald wurde Freyr krank, und als sein Leiden schlimmer wurde, beriet man sich und ließ nur wenige Leute zu ihm. Man errichtete einen großen Hügel mit einer Tür und drei Fenstern. Und als Freyr tot war, trug man ihn heimlich in den Hügel und sagte den Svear, er sei noch am Leben; so wurde er dort drei Jahre aufbewahrt, und man schüttete alle Abgaben in den Grabhügel – durch ein Fenster Gold, durchs zweite Silber und durchs dritte Kupfermünzen; und so dauerten Friede und Fruchtbarkeit noch weiter. – Freyja bekam nun die Leitung aller Opfer, denn sie war von den Göttern allein noch am Leben: Und sie wurde noch so berühmt, dass alle vornehmen Frauen nach ihr benannt werden sollten, sodass sie noch jetzt Fruer/Frauen heißen. Damit hieß also jede Freyja, die über einen Besitz verfügte; doch die, die eine Wirtschaft führte, wurde Húsfreyja genannt. Ziemlich leichtfertig war Freyja, ihr Mann hieß Odr, ihre Töchter waren Hnoss und Gersimi; und beide waren sehr schön. Nach ihrem Namen nannte man die kostbarsten Kleinodien. Weil nun die Svear wussten, das Freyr tot war, Friede und Fruchtbarkeit aber weiter bestanden, meinten sie, das würde so weitergehen, solange Freyr in Schweden bliebe. Und sie wollten ihn nicht verbrennen: Weltgott nannten sie ihn und brachten ihm weiter Opfer dar für Frieden und gute Jahre.

11. Fjölnir, Sohn Yngve-Freyrs, verwaltete nun Svitjod und Uppsalas Reichtum. Ein mächtiger Mann war er, und unter ihm herrschten weiter Fruchtbarkeit und Frieden im Lande. Damals lebte in Lejre ein König namens Fried-Frodi („Friðfróði“); und er war mit Fjölnir sehr befreundet, und man lud sich gegenseitig ein. Als Fjölnir zu Frodi nach Seeland kam, veranstaltete man ein prachtvolles Gelage, und man verschickte weit und breit Einladungen im ganzen Land. Ein mächtiges Haus hatte Frodi, und darin ein Riesenfass eingebaut, viele Ellen hoch, aus starken Balken gefügt. Das stand im Untergeschoss, und im Stockwerk darüber war eine Öffnung, durch die Met nachgegossen werden konnte, sodass stets gebrauter Met vorhanden war – ein überaus starker Trank. Am Abend bekamen Fjölnir und sein Gefolge ihre Herberge im benachbarten oberen Stockwerk. In der Nacht ging der König auf den Söllergang, um sein Geschäft zu machen, schlaftrunken, völlig berauscht. Und als er zum Gemach zurück wollte, ging er auf dem Gang zu weit bis zur Tür des nächsten Raumes und da hinein. Er trat fehl, stürzte ins Metfass und kam darin um. Darüber dichtete Thjodolv aus Kvine (Þjóðolfr enn hvinverski, Skalde um 900):

Es war erfüllt
an Frodis Hof
der Todesfluch
der Fjölnir traf:
In des Trinkhorns
stillem Weiher
kam König Fjölnir
kläglich um.

Ein gewisser Sveigdir übernahm nach dem Tod seines Vaters die Herrschaft. Er gelobte hoch und heilig, er wolle das Götterheim und den alten Odin suchen, und mit zwölf Kämpen zog er weit in der Welt umher. Bis in stürkenland und nach Großschweden gelangte er und fand da viele Verwandte; seine Fahrt dauerte fünf Jahre; dann kehrte er nach Svitjod heim und blieb dort eine Zeit lang. Eine Frau namens Vana hatte er geheiratet, draußen in Vanenheim, und deren Sohn hieß Vanlande.

12.Nochmals zog Sveigdir aus, um nach Götterheim zu suchen. In Schwedens östlichem Teil liegt ein großer Hof namens Stein; und dort ist ein Felsstein – hoch wie ein Haus. Nach Sonnenuntergang, als Sveigdir trunken in seine Schlafkammer gehen wollte, blickte er auf den Stein, unter dem ein Zwerg saß. Sehr betrunken waren Sveigdir und seine Leute und rannten zum Felsen. In der Felstür stand der Zwerg, rief Sveigdir an, forderte ihn auf hereinzukommen, wenn er Odin treffen wolle. Der ging hinein, und sofort schloss sich der Stein wieder; Sveigdir aber kam nie zurück. Dazu dichtete Tjodolv:

Den Sveigdir trog
der am Stein Wache hielt:
der tagscheue Zwerg
aus Durnis Sippe.
Stolzen Sinns
gehorchte der Asafreund,
drang ein in Sökmimirs Saal, (=“Trollberg“, Sökmimir ist laut Grimnismal 50 ein Riese)
der ihn flugs verschlang.

13. Sveigdirs Sohn hieß, wie erwähnt, Vanlande, der nach ihm das Reich übernahm und über den Uppsala-Reichtum verfügte. Ein großer Kriegsmann war er und zog weit in der Welt herum. Winters wohnte er in Finnland bei Sniar dem Alten, heiratete dessen Tochter Drífa. Im Frühjahr aber zog er fort, und Drífa blieb zurück. Er hatte versprochen in drei Jahren zurückzukommen. Doch als er nach zehn noch nicht wieder da war, schickte Drífa zur Zauberin, der Trollalten Huld; ihren und Vanlandes Sohn Visbur indessen sandte sie nach Svitjod. Einen Vertrag schloss Drífa mit der Zauberin, dass sie Vanlande zurück nach Finnland zaubern oder andernfalls töten sollte. Wie nun der Zauber griff, war Vanlande gerade in Uppsala; und ihn erfasste große Sehnsucht, nach Finnland zu ziehen; doch seine Freunde und Ratgeber hielten ihn ab und sagten, nur finnische Trollkunst sei der Grund seines Verlangens. Da wurde er sehr schläfrig und legte sich zur Ruhe: als er nur wenig geschlafen hatte, schrie er auf und meinte ein Nachtmar reite ihn. Leute kamen herbei und wollten ihm helfen; und als sie ihn am Kopf festhielten, trat der Mar auf seine Beine, dass sie fast zerbrachen. Und dann drückte er so auf sein Haupt, dass er starb. Die Svear trugen seinen Leichnam zum Fluss Skuta , wo sie ihn verbrannten, und zu seinem Gedächtnis wurden Bautasteine errichtet. So reimte Tjodolv:

Der Wundermar
schickte zu Vilis Bruder
den Vanlande
wehevoll.
Die Trollalte brachte den
wilden Krieger zu Hel.
Dort am Fluss Skuta verbrannte
der Goldspender, den ein Nachtmar getötet.

14. Visbur übernahm das Erbe seines Vaters Vanlande, heiratete die Tochet von Aude dem Reichen und gab ihr als Morgengabe ein Goldhalsband und drei große Höfe. Beide hatten zwei Söhne: Gisl und Öndur (= „Skistab“ und „Ski“). Da verließ Visbur seine Frau und nahm sich eine andere; aber erstere zog mit ihren Söhnen zum Vater. Auch einen weiteren Sohn hatte Visbur, der Dómaldi hieß, aber Dómaldis Stiefmutter ließ durch Trollkunst Unheil über ihn kommen. Als Visburs Söhne zwölf und dreizehn Winter alt waren, gingen sie zu ihrem Vater und forderten die Morgengabe ihrer Mutter; doch der wollte sie nicht herausgeben. Da schrien sie Verwünschungen: das Goldband werde dem Sippenbesten den Tod bringen, und sie zogen wieder heim. Nun wurde neuer Zauber angestrebt: Sie sollten imstande sein, den Vater zu töten, und die Völva Huld versprach, sie wolle zu diesem Trollspruch noch den anderen fügen, dass fortan großer Totschlag unter den Sippengenossen der Ynglinge herrsche! Dem stimmten sie zu, sammelten ein Heer, überfielen Visbur unvermutet zur Nacht und verbrannten ihn auf seinem Gehöft, wie Tjodolv vermerkte:

Visburs Leib,
seine Willensburg,
schluckte da der
Bruder der See(=Feuer).
Seine Söhne schickten
den Walddieb,
das Feuer,
über den Vater.
Im Herdschiff (=Haus) heulend
den König zerbiss
nun der grimmige
Gluten-Garm.

15. Die Herrschaft seines Vaters Visbur übernahm jetzt Dómaldi und verwaltete das Reich; doch nun kam es zur großen Hungersnot in Svitjod; und die Leute brachten reiche Blutopfer in Uppsala dar. Im ersten Herbst opferten sie Stiere, aber der Jahresertrag verbesserte sich nicht: Im zweiten Herbst opferten sie Menschen, aber der Ertrag blieb wieder der gleiche oder war noch schlechter. Im dritten Herbst kamen Svear in großen Mengen nach Uppsala, wo die Bluopfer stattfinden sollten: Und die Hövdinge traten zur Beratung zusammen: Sie waren sich darin einig: An dem bösen Jahr trage ihr König Dómaldi die Schuld. Alle meinten, man müsse ihn opfern, um ein gutes jahr zu erreichen: man könne ihn ergreifen, töten und den Altar mit seinem Blut besprengen, und das taten sie, wie Tjodolv weiß:

Vorzeiten geschah’s,
dass Schwertkämpfer
rot färbten die Erde
mit Königsblut.
Und gegen Dómaldi,
der totgeweiht war,
trug das Landheer
blutige Waffen.
Die Svea-Leute,
vor Hunger krank,
sandten zur Hel
den Jütenhasser (er hieß so, weil er Krieg gegen Jütland führte).

16. Dómaldis Sohn nannte sich Dómar, der über das Reich herrschte. Lange verwaltete er das Land, und unter ihm gab es fruchtbare Jahre und Frieden. Von ihm wird nur berichtet, dass er auf seinem Lager in Uppsala starb. Man brachte ihn ans Fyris-Ufer (Fyris=Fluss in Uppsala) und verbrannte ihn da, wo noch jetzt seine Bautasteine stehen. Tjodolv dichtete:

Zuvor schon fragte
ich nach Yngves Hügel
weise Männer
manches Mal,
wo Dómar
auf das prasselnde
Feuer am ehesten
wohl ward getragen.
Nun aber weiß ich,
dass der alte Spross
aus Fjölnirs Geschlecht
am Fyris verbrannte.

17. Dyggvi hieß sein Sohn, der dann in Svitjod regierte; und von diesem wird erzählt, dass auch er im Bett starb, wie Tjodolv reimte:

Nicht verhehl ich,
dass Hel ihre helle Freude
beim Hingang Dyggvis hatte.
Ulvs und Narvis Schwester
durfte einen der Könige
auswählen zum Tod.
Den Fürsten von Yngvis Volk
betrog Lokis listige Tochter.

Dyggvis Mutter hieß Drott und war Tochter des Königs Danp, des Sohns von Rig, der zuerst König genannt wurde in dänischer Zunge. Sein Geschlecht hielt seither stets den Königsnamen für den höchsten Ehrennamen. Dyggvi wurde zuerst in seiner Sippe König genannt; vorher nannte man diese Fürsten nur Drottnar und ihre Frauen Drottningar, ihr Gefolge indessen das Drott. Den Zunamen Yngvi oder Ynguni aber erhielten alle Fürsten dieses Geschlechtes ihr Leben lang, und alle zusammen hießen sie die Ynglinge. Die Königin Drott war die Schwester von König Dan dem Stolzen, nach dem Dänemark benannt ist.



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