Liebe, Werbung und Ehe


Liebe, Werbung und Ehe im Skandinavien der Wikinger von Gunnora Hallakarva

Übersetzung: Vicky Gabriel

Vor einiger Zeit fragten mich Freunde, wie eine Wikinger-Hochzeit durchgeführt werde. Ich hatte nicht die geringste Ahnung. Auch eine diesbezügliche Nachforschung in den Sagen half mir nicht weiter. Damit begann die Arbeit an einem umfassenden Forschungsprojekt, dessen Ergebnisse hier zu lesen sind.

Sogar in den saftigen, modernen romantischen Erzählungen sieht das Problem doch so aus: Wo wird denn schon tatsächlich eine gesamte Hochzeitszeremonie “beschrieben"? Man findet dort Frauen, die weiße Kleider - oft mit Schleier - tragen, dann einen Bräutigam und dessen Trauzeugen, eine Ehrendame sowie Brautjungfern, und irgendwo in dem Bild tauchen auch die Worte “Ich will" und ein Paar Ringe auf. Wie also jeder von uns weiß, der schon mal eine Hochzeit gesehen hat, gibt der Erzähler eines solchen Romans eben nicht alle Details in seiner Geschichte wieder. Nur ein Ethnologe oder ein Anthropologe ist fähig, all die Einzelheiten wahrzunehmen, die es jemandem, der aus einer anderen Zeit oder Kultur stammt, ermöglichen, eine moderne amerikanische Hochzeit nachzuvollziehen. Ähnlich wie zeitgenössische Kommentatoren oder auch Historiker anderer Kulturen versorgen uns auch die Autoren der Sagen nicht mit den vollständigen Einzelheiten des Geschehens.

Dies nun ist “meine" Antwort auf die Frage “Wie führten die Wikinger ihre Hochzeiten durch?". Ich habe den Eindruck, eine gute Annäherung an die originalen Verhältnisse gefunden zu haben. Meine Freunde, Lord Björn Haraldson und Lady Leidrun Leidulfsdottir, feierten ihre Hochzeit so, wie ich es hier beschreibe, und sowohl für alle Gäste als auch das Paar selbst fühlte es sich “richtig" an. Es war sehr angenehm, in einem fremden Land an einem alten Ritual teilzunehmen, von dem man weiß, daß jede der durchgeführten Handlungen das Ergebnis einer Unzahl von Traditionen darstellt. Ein wenig führe ich den Erfolg des Ereignisses auch auf Leidrun zurück, die auf großartige Weise wie ein General versteht, ihre Freunde zu führen und deren Potentiale zur Bildung einer Gruppe heranzuziehen. Diese Hochzeit war beinahe das tiefste und ergreifendste Erlebnis, das ich je hatte, und kommt für mich gleich nach dem berühmten “DU BIST DA".


I. Einführung

Dieser Artikel untersucht Heiratsgebräuche und verwandte Bereiche, wie sie im Skandinavien der Wikinger existierten. In erster Linie stellte die Eheschließung eine vertragliche Vereinbarung zwischen den Familien der Braut und des Bräutigams dar, so wie es auch während anderer Perioden und in anderen Gegenden des mittelalterlichen Europas üblich war. Im Sinne dieser Zielsetzung habe ich ebenso kurz die Gebräuche bezüglich Liebe, sexuellem Verhalten, der mythisch-religiösen Aspekte sowie der Scheidung untersucht, um einen Zusammenhang zum soziokulturellen Hintergrund, vor dem sich die Verheiratung zweier Menschen abspielte, zu schaffen.

Das Zentrum dieser Nachforschungen ist die heidnische Ära der Wikinger, auch wenn aufgrund der späten Entstehungszeit der uns zur Verfügung stehenden Gesetzbücher und literarischen Quellen einige Informationen unzweifelhaft eher das mittelalterliche Skandinavien reflektieren (ca. 1000 - 1400 n.d.Z.). Außerdem sollte erwähnt werden, daß der größte Teil der uns zugekommenen Fakten aus Island stammt, was bedeuten kann, daß die hier vorgebrachten Schlußfolgerungen nur isländische Gebräuche betreffen, da es bezüglich der Gesetze, der Religion und der Gesellschaft in den verschiedenen skandinavischen Ländern große Unterschiede gab. Es existierte eben keine universelle, einzige “Wikingerkultur". Die Primärquellen der Wikingerzeit stammen aus der Archäologie, von Runeninschriften und aus der zeitgenössischen Literatur, geschrieben von arabischen Reisenden und germanischen Chronisten wie zum Beispiel Adam von Bremen.

Weitere Quellen, die nützlich sein können, um das Bild des Wikingerzeitalters zu vervollständigen, stammen aus dem zwölften bis vierzehnten Jahrhundert: Es handelt sich hier um die skandinavischen Chroniken, Sagen und Gesetze. Wer diese späteren Quellen benutzt, muß bezüglich ihres Wahrheitsgehaltes vorsichtig sein, da sie eher mit persönlichen und politischen Manövern als mit Sozialgeschichte in Verbindung stehen und vielleicht sehr genau die sozialen Bedingungen der Zeit, in der der Autor lebte, spiegeln und weniger die der in den Erzählungen vorkommenden Gestalten - so wie auch mittelalterliche Maler historische Figuren wie König Arthur in der Rüstung des späten Mittelalters und nicht in der zu seiner Zeit üblichen historischen Gewandung zeigen. Die Gesetzbücher des mittelalterlichen Skandinaviens dienen vielleicht besser zur genaueren Orientierung als die Sagen, auch wenn ihr Hauptwert für den Nachforschenden in der “normativen Geschichte" liegt, da sie eher einen Einblick darein geben, wie die Gesetzesmacher sich das Miteinander der Gesellschaft vorstellten als dahingehend, wie das alltägliche Leben wirklich war. Des weiteren sind alle Gesetzbücher, über die wir heute noch verfügen - wie beispielsweise “Gragas", das Gulathing-Gesetz, das Frostathing-Gesetz, “Jyske Lov" und andere - erst nach dem Wikingerzeitalter zur Niederschrift gekommen, und zwar zu einer Zeit, in der die Gründung des Christentums und die Vereinheitlichung der Verordnungen die schriftlichen Fassungen der alten Gesetzbücher beeinflußt haben dürfte.

Solange der Tag noch nicht gekommen ist, an dem wir im Gletschereis einen vollständig erhaltenen Wikinger finden und wiederbeleben, der uns eine genauen Bericht seines Lebens und seiner Kultur gibt, ist es unwahrscheinlich, daß moderne Historiker je in der Lage sein werden, eine absolut exakte und zuverlässige Beschreibung dieses Zeitalters zu erstellen. Die Zeit der Sagen ist vergangen und wird - wie das Goldene Zeitalter des Homer - nur in Stücken von Gefäßscherben, romantisierenden Erinnerungen und fernem Widerhall vor uns erstehen. Im Auftrag der Wiedererschaffung der Gesellschaft der Wikinger durch Vereinigungen wie die S.C.A. oder der Wiederbelebung religiöser Glaubensformen des heidnischen Skandinaviens durch die Asatrú vermischen wir häufig historische Fakten, die Literatur der Zeit und unsere eigenen kreativen Vorstellungen, um eine neue Realität zu erschaffen, von der wir hoffen, daß sie nicht zu weit von der geschichtlichen Wahrheit entfernt ist. Mit diesem Wissen im Hintergrund können wir uns von den in den folgenden Seiten enthaltenen Informationen zeigen lassen, wie eine Wikingerhochzeit aussah - oder wenigstens ausgesehen haben könnte.


I: Die Funktion der Ehe im Skandinavien der Wikinger

Der Ausgangspunkt für jede Diskussion betreffend der Eheform einer Kultur sollten Gründe für und Funktion der Ehe in der entsprechenden Gesellschaft sein. Im allgemeinen erfüllt die Ehe zwei Hauptfunktionen: die Kontrolle sexueller Aktivität und/oder Fortpflanzung sowie die Bildung sozioökonomischer Verbindungen zwischen verschiedenen Sozialgruppen.

In Skandinavien waren die Grenzen korrekten sexuellen Verhaltens sehr großzügig bemessen, obwohl (wie in vielen Gesellschaften üblich) ein doppelter Standard vorherrschte. Von der idealen Frau wurde Keuschheit vor und Treue während der Ehe erwartet. Solche Tendenzen sind aus der Art der gegen Frauen gerichteten Beleidigungen ersichtlich, wie wir sie in der poetischen Edda finden. Hier werden Frauen als abscheulich gesehen, die der Promiskuität, des Inzests oder anderer unerlaubter Verbindungen beschuldigt werden (Lee M. Hollander, trans. “The Poetic Edda." , Austin, University of Texas P, 1962, S. 90-103).

Für dieses Beharren auf weibliche Keuschheit gab es gute Gründe: Eine unverheiratete Frau stellte eine Handelsware dar, die ihrer Familie mittels des Brautpreises Reichtum bringen und günstige Verbindungen zu anderen Familien schaffen konnte. Ein weiterer Grund für die Beschränkung weiblicher Sexualität war das Fehlen effektiver Methoden zur Geburtenkontrolle, da illegitime Kinder der Familie der Frau erhebliche finanzielle Nöte bescheren konnten. Ein illegitimes, aber vom Vater anerkanntes Kind erhielt lediglich zwei Drittel der zur Lebenshaltung notwendigen Mittel von seinem Vater sowie dessen Verwandtschaft; ein nicht anerkannter Bastard jedoch wurde gänzlich von seiner Mutter und deren Familie erhalten (Grethe Jacobson, “Sexual Irregularities in Medieval Skandinavia", Sexual Practises in Medieval Church. Eds Vern L. Bullough and James Brundage. Buffalo: Promethius Books, 1982, S. 74). Die Gesetzestexte reflektieren das enorme Interesse der Wikinger an diesen Streitfragen.

Dies soll nicht heißen, daß Wikingerfrauen nicht auch außereheliche sexuelle Verhältnisse hatten. Wer eine Schwangerschaft vermied, hatte keine gerichtliche Bestrafung zu befürchten; doch wurde es als nicht passend angesehen, wenn sie als sexuell freizügig lebende Frau zum Beispiel eine Erbschaft annahm. Wurde sie jedoch verführt oder vergewaltigt, entstanden ihr daraus im Sinne des Schutzes vor sexueller Ausbeutung keine Nachteile.

Die einzige Einschränkung, die bezüglich der männlichen sexuellen Aktivitäten existiert zu haben scheint, besteht in der Bestrafung von Unzucht, also dem Sex mit einer nicht mit ihm verheirateten Frau - was für ihn allerdings nur zu einer kleinen Geldstrafe führte.

Die “Sturlunga Saga" weist darauf hin, daß “fast überall sich Männer außereheliche Affären mit einer Anzahl von Frauen gönnten, und zwar sowohl vor als auch während und nach ihrer Ehe" (Jenny M. Jochens, “The Church and Sexuality in Medieval Iceland", Journal of Medieval History, 6/1980, S. 383-384). Weibliche Sklaven waren ordentliche Handelsware, die einen Mann bei einer Bettsklavin bis zu zwölf Öre kosten konnte - dieser Wert entspricht etwa 447 Metern handgesponnenen Kleidungsstoffs (Grethe Jacobson, “The Position of Woman in Skandinavia During the Viking Period", thesis, University of Wisconsin, 1978, S. 76). Konkubinen waren üblich, wie Adam von Bremen verächtlich berichtet: “Nur in ihren sexuellen Beziehungen zu Frauen kennen sie keine Grenzen. Entsprechend seiner Mittel hat jeder Mann zwei, drei oder noch mehr Frauen zur selben Zeit." (Jacobson, “Sexual Irregularities", S. 82.)

Diese Konkubinen kamen immer aus niedrigen sozialen Klassen, und der Eintritt in den Stand der Konkubine eines höher gestellten Mannes mag für diese Frauen gewisse Vorteile mit sich gebracht haben. Aufgrund des Klassenunterschiedes war eine Konkubine nie dazu berechtigt, die Ehefrau ihres Liebhabers zu werden und wurde demzufolge von der Frau des betreffenden Mannes toleriert, da sie deren Position nicht bedrohte (Ruth M. Karras, “Concubinage and Slavery in the Viking Age", Scandinavien Studies, 62/1990, S. 141-162. Ebenso Eric Oxenstierna “The Norsemen", Greenwich CT: New Graphic Society, 1965, S.211).

Da Sexualität vollkommen durch Gesetze geregelt wurde, die zahlreiche Bestimmungen bezüglich außerehelicher Aktivitäten und illegitimer Kinder enthielten, ist es nur logisch, daß Eheschließungen von den Wikingern weniger als ein Instrument zur Begrenzung sexueller Aktivitäten als zur Schaffung familiärer Verbindungen sahen. Eine Hochzeit “schuf die Möglichkeit zur Verbindung der Familie der Braut mit einer der wichtigsten Familien ... und versicherte sie so bei ihren Verhandlungen anläßlich des örtlichen “Thing" und “Althingi" machtvoller Unterstützung" (Jacobsen, “Position of Women", S.40).

Die eheliche Verbindung erhielt nicht nur über die Möglichkeit ökonomischen Gewinns oder politischen Vorteils wichtige Bedeutung. Oft diente die skandinavische Frau auch als “Friedenspfand" und wurde als Austausch in die Ehe gegeben, um die Versöhnung zwischen sich einstmals befehdenden Parteien zu garantieren (Jenny Jochens, “The Medieval Icelandic Heroine: Fact or Fiction?", Viator 17/1986, S.37).

Die anglo-sächsische Literatur widmet diesem germanischen Thema besondere Aufmerksamkeit, indem sie von Ehefrauen und Königinnen als “Friedensweberinnen" spricht, die durch die Geburt von Kindern einander bekämpfende Stämme miteinander verwoben und sich als Geiseln ihrer Familien im feindlichen Lager verstanden, die den Haß in ihrer neuen Familie zu beruhigen suchten (Jane Chance “Women as Hero in Old English Literature", Syracuse, Syracuse U.P., 1986, S.1-3). Die Sagen verzeichnen Beispiele, in welchen die den Frieden schaffende Frau weitere Frauen um sich versammelte und mit ihnen zur Stelle des Kampfes ging. Dort stoppten sie die Auseinandersetzung zwischen den feindlichen Parteien, indem sie Kleidungsstücke zwischen und auf die Kämpfenden warfen, somit ihre Schwerter behinderten und “den Kampf so lächerlich machten, daß er unmöglich fortgeführt werden konnte."

Von dem Zeitpunkt an, ab welchem im Wikingerzeitalter Eheschließungen von den Familien der Braut und des Bräutigams arrangiert wurden, war die Liebe zwischen den zukünftigen Partnern ein eher unbedeutender Gesichtspunkt im Vergleich zum Brautpreis, der Mitgift, politischen Manövern und ähnlichem. Die Legenden unterstützen diese Sichtweise, da sie sich nicht im Besonderen an guten Ehen interessiert zeigen: voreheliche Bemerkungen wie ‘ihre Liebe begann zu wachsen’ oder ‘sie führten eine gute Ehe’ zeigen meist an, daß das Paar nun aus der Geschichte ausscheidet [Roberta Frank, Marriage in Twelfth- and Thirteenth-Century Iceland, Viator 4, 1973, S. 478].

Solche Zitate zeigen auch, daß man von den Neuverheirateten nach ihrer Eheschließung den Aufbau einer betriebsfähigen Beziehung erwartete; dies war bei den meisten arrangierten Ehen der Fall. Die Wikinger praktizierten keine Werbung in unserem Sinne, in welcher ein Mann und eine Frau Gelegenheit hatten, den Grad ihrer Kompatibilität abzuschätzen oder in welcher die Liebe erblühen konnte: Diese Konzepte konnten sich erst im Laufe der vollzogenen Ehe als vorhanden oder eben nicht vorhanden erweisen.

Da Liebe also nicht als eine Vorbedingung zur Eheschließung angesehen wurde, machte man entsprechend wenig Aufhebens um das Einverständnis der zukünftigen Partner bezüglich der Vereinigung. Es gibt in den Sagen einige wenige Hinweise darauf, daß der junge Mann nach seiner Meinung zur geplanten Hochzeit gefragt wurde [Jochens, Icelandic Heroine, S. 37]: Ob dies die Annahme andeutet, daß seine Zustimmung vor Eröffnung der Verhandlungen erforderlich war oder im Gegenzug bedeutet, daß die Qualitäten seiner zukünftigen Braut aufgrund seines leichten Zugangs zu Konkubinen und anderen Frauen während der Ehe nicht sehr wichtig für ihn waren, ist unbekannt. Das Einverständnis der Frau war nach den Gesetzen definitiv nicht erforderlich; sie wurde in den Verhandlungen durch ihren Fastnandi, also ihren Vater oder den für sie verantwortlichen Vormund, vertreten. Im Falle einer jungen Frau konnte es sich bei ihrem Fastnandi um ihren Vater, im Falle dessen Todes um ihren Bruder oder bei Abwesenheit beider um einen anderen männlichen Verwandten handeln. Eine ehemals verheiratete Frau wurde durch ihren Sohn vertreten, so dieser älter als siebzehn Jahre war. Traf dies nicht zu, konnte diese Funktion von ihrem Schwiegersohn, ihrem Vater oder einem Bruder übernommen werden. In seltenen Fällen, wo keine männlichen Verwandten mehr zur Verfügung standen, wurde diese Pflicht auch von der Mutter der Frau wahrgenommen [Jacobsen, Position of Women, S. 37-38]. Obwohl das Gesetz also keine Zustimmung der Frau erforderte, schien es jedoch erstrebenswert zu sein, zumindest deren Billigung der geplanten Verbindung zu erhalten, da laut der Sagen jede fünfte Eheschließung, die gegen den ausdrücklichen Willen des Mädchens durchgeführt wird, schwere Katastrophen mit sich bringt und in Tod, Verstümmelung oder Scheidung vom Ehemann endet [Frank, S. 477]. Die Legenden zeigen ebenso die übliche Praxis der Befragung der Tochter durch den Vater vor ihrer Verbindung, da Frauen, die man nicht fragte, in Folge allzu oft ihrer Wut und Enttäuschung nachhaltigen Ausdruck verliehen [Jochens, Icelandic Heroine, S. 37].

Im allgemeinen willigten die meisten zukünftigen Bräute in die Entscheidung ihres Vaters ein, wenn sie danach gefragt wurden: Immerhin sahen die Gesetze großzügige Möglichkeiten der Scheidung vor, falls die Beziehung unerträglich werden sollte; und die Familie einer Braut zog in jedem Fall einen Gewinn aus der Verbindung [ebenda]. In einigen wenigen, ganz besonderen Situationen hatte eine Frau das absolute Recht, ihren Ehemann allein auszuwählen: Witwen hatten diese Freiheit. Auch wenn eine Frau von ihren Brüdern vertreten wurde, dieser aber untereinander nicht zu einer Einigung bezüglich des Bräutigams kommen konnten, mußte den Wünschen der heiratswilligen Frau nachgegeben werden. Wenn ein als Vormund tätiger Bruder sein Mündel böswillig von jeder Heirat abzuhalten versuchte – etwa um ihre Arbeitskraft auf dem eigenen Hof nicht zu verlieren – durfte sie den dritten von ihm abgelehnten Bewerber auch ohne Einverständnis ehelichen [ebenda, S. 38-39; Jacobsen, Position of Women, S. 38]. Vom bisher Gesagten mal abgesehen – Menschen sind, wie sie sind, und einige der heidnischen Skandinavier wußten mit Sicherheit von der unsterblichen, leidenschaftlichen Liebe, wie sie auch heute besungen wird. Die Wikinger nannten sie inn makti murr, die mächtige Leidenschaft [Peter Foote and David M. Wilson, The Viking Achievement, London: Sidgwick and Jackson, 1970, S. 112], und beschrieben sie in Legenden und Gedichten, die von wahrer Liebe erzählen. Oft handelt es sich bei der Liebe, die dort besungen wird, um eine, die während der Ehe wuchs, wie zum Beispiel in Rigsthula (V. 27), wo Vater und Mutter einander in die Augen starrend gegenübersitzen, ihre Finger ineinander verschlungen – und offensichtlich von Liebe beglückt [Hollander, Poetic Edda, S. 120]. Manchmal ist eine Liebeserklärung in der Edda sehr kurz und indirekt; so zum Beispiel, als Bergthora die Begnadigung durch die Angreifer ihres Heimes verweigert, da sie es vorzieht, mit ihrem Ehemann zu sterben: Als ich jung war, wurde ich Njal in die Ehe gegeben, und ich versprach ihm, daß wir dasselbe Schicksal teilen würden [Magnus Magnusson und Hermann Palsson, Übers. The Saga of Njal, NY: Penguin, 1960, S. 267].

Eventuell waren Männer im Ausdruck ihrer Liebe freier als Frauen. Da die Improvisation von Poesie zum Bild des idealen Mannes gehörte, war es für sie vielleicht leichter, ihre Gefühle zum Ausdruck zu bringen. Saxo Grammaticus zeichnete die bewegende letzte Ansprache eines Mannes auf dem Weg zum Galgen auf, die an seine Geliebte gerichtet war: Da soll ein einziges Ende für uns beide sein; ein Band nach unseren Schwüren; noch soll unsere erste Liebe nicht ziellos zugrunde gehen. Glücklich bin ich, daß ich die Freude einer solchen Verbindung hatte; ich werde nicht gemein in der Einsamkeit der Götter des Tartarus untergehen. So laß die sich verschlingenden Bande meine Kehle in der Mitte fassen; der letzte Schmerz wird nur Freude mit sich bringen, da die sichere Hoffnung auf erneuerte Liebe verbleibt und des Todes eigene Lust sich erweisen muß. Jede Welt enthält Freude, und in den Zwillingswelten soll die Ruhe unserer vereinten Seelen und unsere gleiche Treue Ruhm gewinnen [Saxo Grammaticus, Gesta Danorum, zitiert in Hilda R. Ellis-Davidsons The Road to Hel Westport CT: Greenwood P., 1943, S. 53-54]. Die Skalden komponierten ebenso mansongr, Mädchenlieder oder Liebeslieder, geschrieben den Gesetzen zum Trotz, die für die Schaffung solcher Gedichte die Todesstrafe für den Skalden, der es dennoch wagte, verfügten: Wohl überlegt, ist diese Frau ganz Island wert ... / obgleich mir das Herz schwer ist ... auch wert ganz Hunland und auch Dänemark; / nicht für die Erde von ganz England und seiner Königreiche würde ich dies Mädchen mit den goldenen Zöpfen zurücklassen, ja, und auch nicht für Irland ... [Lee M. Hollander, Übers. The Skalds: A Selection of their Poems with Introduction and Notes, Ann Arbor: University of Michigan P, 1945, S. 118]. Ich bin ein wenig leichtsinnig .. sie zu erreichen riskierte ich mein Leben so oft ... / Obgleich man mich erschlagen wird, wenn man mich in den Armen meiner Geliebten findet – / wenn ich in der Umarmung der Sif-im-seidenen-Kleid schlafe, / fühle ich unendliche Liebe für die blondhaarige Frau [ebenda, S. 134].

Einer der Gründe, warum Liebespoesie von den Wikingern als so schlecht angesehen wurde, mag in der in heidnischen Epochen oft anzutreffenden Angst vor der magischen Umschlingung durch eine solchermaßen durch die Macht der Verse unsterblich gemachten Frau liegen [Foote und Wilson, S. 112]. Das Havamal schreibt Odin zwei als Liebestalisman gedachte Runenzauber zu: Ein sechzehntes kann ich, will ich schöner Maid / In Lieb und Lust mich freuen, / Den Willen wandl ich der Weißarmigen, / Daß ganz ihr Sinn sich mir gesellt. [Die Edda, Simrock]. Das Verbot von Liebespoesie hilft zu erklären, warum die Kunst der Werbung im Wikingerzeitalter nur sehr selten praktiziert wurde. Obwohl die Göttin Freya die Schirmherrin des mansongr war und sich an der Liebespoesie wohl zu entzücken wußte, mußten sterbliche Frauen da wesentlich vorsichtiger sein. Von gesetzlicher Seite wurden Liebesgedichte als eine eindeutige Verunglimpfung des Rufes einer Frau angesehen, da sie nahelegten, daß der Autor über weitaus intimere Kenntnisse seiner Geliebten verfügte, als es als schicklich erschien [Foote und Wilson, S. 112].

Das Ansehen einer Frau spiegelte die Ehre ihrer Familie wieder: Wurde ihre Ehre getrübt, so war es ebenso um die ihres Vaters, ihrer Brüder und ihrer Onkel, Cousins und Söhne geschehen. Jede Verletzung des Rufes einer Frau war dazu angetan, den Zorn einer ganzen Sippschaft auf den unglücklichen Freier herabzubeschwören! Alle Familienlegenden stimmen darin überein, das Werbung den tödlichsten Zeitvertreib für einen jungen Mann darstelle [Frank, S. 476]. Das wichtigste ungeschriebene Gesetz der Brautwerbung bestand darin, daß, je weniger der hoffnungsvolle Bräutigam von seiner für ihn bestimmten Frau vor den formellen Hochzeitsverhandlungen mit deren Familie sah, um so größer seine Chancen waren, am Leben zu bleiben [ebenda]. War ein bereits aufmerksamer Freier mit seinem Heiratsangebot zu langsam, zeigte die Familie der beworbenen Frau um so größere Schnelligkeit in der Wiederherstellung ihrer Ehre mittels Blutrache [Foote und Wilson, S. 111-112]: In den Legenden enden achtzehn Werbungen auf diese Weise [Frank, S.467]. Offensichtlich hatte die Familie praktische Gründe für ihre Ablehnung einer verlängerten Werbezeit, da in acht der genannten Fälle von der Verwandtschaft zu langsam reagiert wurde und das Ergebnis in einem illegitimen Kind bestand [ebenda].

Trotz der Gefahren kamen dennoch einige ausgedehntere Werbungen vor. Oft wurde die Aufmerksamkeit, die ein Freier einer Frau entgegenbrachte (dies enthielt Besuche, Gespräche und die Dichtung von ihr Lob zollenden Werken) von ihr erwartet und manchmal sogar willkommen geheißen – unabhängig davon, was ihre Familie davon dachte [Foote und Wilson, S.111]. Die am meisten verbreitete Methode bei der Suche nach einer geeigneten Braut war der Besuch eines Thing, wohin die Väter ihre Töchter nicht nur mitnahmen, damit sie zu ihrer Bequemlichkeit das Kochen und Haushalten am Stand übernehmen konnten, sondern auch, um ihre Mädchen sowie deren weibliche Fähigkeiten in den Blickpunkt künftiger Freier zu stellen [Mary Wilhelmine Williams, Social Skandinavia in the Viking Age, 1920; NY: Kraus Reprint Co., 1971, S.282]. Andere soziale Versammlungen wie Feste, Zeremonien, Märkte, Messen und ähnliches waren ebenfalls gute Orte für die Entdeckung der zukünftigen Frau. Der Hochzeitsmarkt, den die Thingversammlung darstellte, paßte recht gut zum Grundcharakter der in einer formellen Vereinbarung zwischen den Familien bestehenden Hochzeit der Wikinger: Die Gesetzesbücher zeigen, daß die Eheverhandlungen nach denselben Regeln ausgetragen wurden wie die Erstellung jedes anderen Vertrages oder jeder anderen legalen Vereinbarung auch, was von der Stimmung des Thing noch unterstützt wurde, wo man zu gleicher Zeit die verschiedensten weiteren Unternehmungen rechtlicher Art tätigte.


IV. Eheverhandlungen

Wie bei einem rechtlichen Anliegen oder der Führung eines Handels brachten die eine Ehe Verhandelnden oftmals Männer mit großem Prestige, Macht und Reichtum mit, die während der Aushandlung des Angebots als Makler und auch Anwalt dienten [Jess Byock, Feud in the Icelandic Saga, Berkeley: University of California P, 1982, S. 75]. Solche Förderer fungierten nicht nur als Zeugen des handsal, der formellen Besiegelung der gegenseitigen Übereinkunft mittels Handschlag, sondern die Aussicht auf deren zukünftige Unterstützung und politischen Einfluß stellte auch einen nicht unbeträchtlichen Anreiz für die Verwandten der Frau dar, was eine Akzeptanz des Vertragsangebots erleichtern sollte. Wenn man sich darin einig war, daß eine Verbindung beider Familien zufriedenstellend sei, folgte die Aushandlung des bru(dh)kaup, des Brautpreises [Foote und Wilson, S. 113]. Dieser Brautpreis setzte sich aus drei Zahlungen zusammen: Vom Bräutigam wurden mundr und morgengifu geleistet, während die Familie der Braut das heiman fylgia bereitstellte. Die meisten modernen Quellen beziehen sich, wenn vom Brautpreis die Rede ist, auf das mundr. Hier handelte es sich um die Bezahlung für das mundium, ein lateinischer Begriff für das Recht auf Schutz der Frau und die rechtliche Vormundschaft über sie, welches ihr Vater oder ein anderer männlicher Verwandter innehat, bis sie verheiratet wird [ebenda]. Andere germanische Begriffe, die einem gelegentlich begegnen und die ungefähr mit mundr übereinstimmen, sind dos (wurde von den kontinentalgermanischen Stämmen verwendet) [P.D. King, Law and Society in the Visigothic Kingdom, Cambridge: Cambridge U.P. 1972, S. 225] und Handgeld (gefunden in angelsächsischen Gesetzen) [ebenda].

Das mundr wurde so berechnet, daß sein Wert in etwa dem der Mitgift des Mädchens entsprach (dem heiman fylgia), war jedoch mit einem statuarischen Minimum von acht Unzen Silber in Island und zwölf Unzen in Norwegen angesetzt. Es handelt sich hierbei um den Preis des armen Mannes, der den Mindestbetrag darstellt, welcher die aus der Vereinigung hervorgehenden Kinder vor dem Gesetz legitimierte [Foote und Wilson, S. 113]. Der Grund für diese Mindestzahlung geht auf das Interesse der Wikinger am materiellen Wohlergehen jedes einzelnen aus einer Verbindung hervorgehenden Kindes zurück: Ein Mann, der sich diesen Preis des armen Mannes nicht leisten konnte, war nicht in der Lage, seine Nachkommen zu unterstützen und sollte demzufolge auch nicht heiraten [Jacobson, Sexual Irregularities, S. 75]. In Ergänzung zu dieser Sicherstellung der ökonomischen Gesundheit der Ehe diente das mundr außerdem der Kompensierung der Arbeitskraft der Braut, auf welche die Familie nun zukünftig verzichten mußte.

Der Minimalbetrag des mundr war zwar mit acht bis zwölf Unzen Silber festgelegt, konnte jedoch auch sehr viel höher ausfallen, wobei er wiederum in den meisten Fällen mit einer ähnlich wertvollen Mitgift der Braut erwidert wurde. Tacitus beschreibt, daß ein germanischer Bräutigam zur Eheschließung Ochsen, ein Pferd samt Zaum und Zügel oder einen Schild sowie Speer und Schwert einbrachte [Tacitus, Agricola und Germania, Übers. Harold Mattingly, NY: Penguin, 1970, S. 116]. In Norwegen bestand ein mundr aus zwölf ‘oras’, dem Wert von vier bis fünf Kühen [Jacobsen, Position of Women, S. 111], während unter der Regierung des Königs Knut ein englischer Freier ein volles Pfund Gold zahlte, um seine Braut zu veranlassen, seine Werbung zu akzeptieren [Jo Ann McNamara und Suzanne Wemple, The Power of Women through the Family in Medieval Europe, 500-1100., in Clio’s Consciousness Raised: New Perspectives on the History of Women, eds. Mary Hartman and Lois Banner, NY: Harper & Row, 1974, S. 106]. Die Zahlung des mundr wurde in germanischen Kulturen üblicherweise zum Zeitpunkt der Hochzeitszeremonie fällig, oft wurde jedoch während der Verhandlungen ein arrha geleistet, eine Art Pfand für die Ehrlichkeit und den guten Willen des Bräutigams. [Suzanne Wemple, Women in Frankish Society: Marriage and the Cloister 500-900. Philadelphia: University of Pennsylvania P, 1981, S. 32].

Eine zweite, vom Bräutigam nach vollendeter Eheschließung zu zahlende Summe wurde ebenfalls bei den Verhandlungen festgelegt: Dies war das morgen-gifu, die Morgengabe, ebenso als Bankgeschenk, Brautschleier-Gebühr oder Sondergeschenk bekannt. Diese Morgengabe erhielt die Frau als Gegenleistung für ihre sexuelle Verfügbarkeit für ihren Ehemann oder im Falle ihrer Jungfräulichkeit als Preis derselben [Foote und Wilson, S. 113]. Die Morgengabe wurde üblicherweise in Relation zur Mitgift der Frau berechnet und belief sich auf einen Wert irgendwo zwischen einem Drittel oder einer Hälfte bis zum vollen Gegenwert derselben [Jacobson, Position of Women, S. 111, Foote und Wilson, S. 113]. Die Morgengabe stand eventuell auch in Beziehung zum Wergeld einer Frau, da Schwangerschaft allgemein die wesentlichste Gefahr für Leben und Gesundheit darstellte, der sich eine Frau gegenübersah. Außerdem diente sie dazu, die finanzielle Unterstützung der Braut während ihrer Ehe zu sichern; so also hatte immer sie den Nutzen (das usufruct) der Morgengabe und verfügte oft bereits vom Zeitpunkt der Übergabe an darüber [McNamara und Wemple, S. 106]. Die Morgengabe schloß üblicherweise Kleidung, Schmuck und Haushaltsgüter ein, ebenso Vieh, Sklaven und in vielen Fällen Land und Grundstücke: Eine anglo-sächsische Frau erhielt unter der Regierung von König Alfred fünf hides Land, das sind mehr als 20.000 Quadratmeter. Die größte verzeichnete Morgengabe, die je gegeben wurde, scheint die von König Gorm an seine Frau Thyre zu sein: Nach Saxo Grammaticus schenkte er ihr das gesamte Land Dänemark [Birgit Strand, Women is ‘Gesta Danorum’, in Saxo Grammaticus: A Medieval Author Between Norse and Latin Culture. Ed. Karsten Friis-Jensen, Copenhagen, Museum Tusculanum Press, 1981, S.159].

Die letzte während der Verhandlungen festgelegte Summe war das heiman fylgia, der Braut Geleit von zu Hause oder ihre Mitgift [Foote und Wilson, S.113]. Die Mitgift repräsentierte den Anteil der Braut am Erbe ihres Vaters: Obwohl sie nicht – wie zum Beispiel ihr Bruder – Geld erben konnte, erlaubte es ihr die Mitgift, Teil am Reichtum der Familie zu haben [Jacobsen, Position of Women, S. 37]. Das heiman fylgia wurde vom Ehemann der Braut verwaltet, der es jedoch eher treuhänderisch behandelte und es nicht unklug anlegen oder vergeuden durfte. Die Mitgift konnte weder in Folge gerichtlicher Verhandlungen mit den anderen Gütern des Ehemanns konfisziert noch von ihm zur Zahlung seiner Schulden eingesetzt werden [ebenda, S. 42-43]. Diese von der Braut mitgebrachten Güter waren für deren Unterhalt während der Ehe gedacht, wurden aber in erster Linie als eine Art Rente zurückgehalten, die sie und ihre Kinder im Fall des Todes des Ehemanns erhalten sollte. Konsequenterweise gab man die Mitgift anläßlich einer Scheidung an die Ehefrau zurück [ebenda, S. 55].

Nach Abschluß der finanziellen Verhandlungen wurde die Vereinbarung mit dem handsal bestätigt. Möglicherweise mußte die Zahl der Zeugen mindestens sechs betragen, da das mündlich erreichte Abkommen nur so lange Gültigkeit hatte, wie seine Zeugen am Leben waren [Frank, S. 475-476]. Es existierte eine festgelegte Formel, die vom Bräutigam über dem handsal gesprochen wurde und die den Vertrag besiegelte: Wir erklären uns zu Zeugen, daß du, N.N., mich bindest in rechtmäßiger Vereinigung, und daß du mir mit dem Händereichen die Mitgift versprichst und dich verpflichtest, alles, was der Vertrag zwischen uns, der in Gegenwart der Zeugen bekannt gemacht wurde, enthält, zu beachten und zu erfüllen. Dies geschehe ohne List und Doppelzüngigkeit in einem wahren und bevollmächtigten Vertrag.


V. Eine Rekonstruktion der Eheschließungs-Zeremonie

Beim Versuch einer Rekonstruktion der Einzelheiten einer Wikingerhochzeit wird der Nachforschende von der Fülle des zur Verfügung stehenden Materials fast erschlagen. Die Sagen sind voll von verheirateten Paaren, auch wird der Auflösung von ehelichen Verbindungen breiter Raum gewidmet; die Gesetze beschreiben sorgfältig die Details eines Ehevertrags - doch selten erzählt uns eine Sage mehr als einige wenige Einzelheiten zum Verlauf des Hochzeitsfestes selbst. Auch die Mythologie hilft uns bezüglich der Fakten nicht sehr viel weiter, doch schafft sie einen Hintergrund für Mutmaßungen. Bei der Rückschau auf die Vielzahl von Informationen zum Gesamtkomplex der Ehebräuche der Wikinger bleibt die Frage, warum gerade bezüglich des Festes selbst nur so wenig aufgezeichnet wurde. Darauf gibt es mehrere Antworten.

Zunächst einmal hatte das Christentum zum Zeitpunkt der schriftlichen Niederlegung der Sagen bereits viele der älteren heidnischen Praktiken ersetzt. Damit einhergehend sollte man sich bewußt machen, daß das Christentum von allen heidnischen Aspekten am inbrünstigsten an der Ausmerzung jener interessiert war, die mit der Verehrung von Fruchtbarkeitsgottheiten zu tun hatten. Zu diesem Zweck vernichtete man Tempel und damit in Verbindung stehende künstlerische Darstellungen und verfolgte sogar die bloße Nennung all jener Götter, die mit Liebe, Sex und Ehe in Zusammenhang standen. Sogar wenn die heidnischen Wikinger über eine der ihrer christlichen Nachfolger ähnliche Technik zur Wiedergabe schriftlicher Informationen verfügt hätten, wären bestimmte Details der Zeremonie selbst nicht aufgeschrieben worden, da sie von den als "ghodi" oder "gydhia" bezeichneten Priestern und Priesterinnen auf die ausschließlich mündliche Weitergabe beschränkt wurden. Dies sorgte dafür, daß geheime Rituale nicht entweiht werden konnten, da sie auf diese Weise nur für die in ihre Religion Initiierten zugänglich waren. Sogar der öffentliche Teil eines solchen Rituals wurde nur selten aufgezeichnet, da diese ein so weit verbreitetes, alltägliches Wissen darstellten, daß die Autoren der Eddas und Sagen die Vertrautheit der Leserschaft mit denselben voraussetzten und eine nähere Beschreibung von daher nicht für wichtig hielten.

Wenn man also nun diese Lücken im Sinne einer brauchbaren Rekonstruktion der Hochzeitszeremonie der Wikinger schließen will, muß man sich der Folklore, den Ritualen anderer, mit diesen in Verbindung stehender germanischer Völker sowie den von Anthropologen und Ethnographen auf der Grundlage des modernen Menschen erstellten Strukturen bedienen. Wenn man die Eheschließung als einen Passageritus definiert, welcher den Übergang eines bis dahin lediglich erwachsenen Menschen zum Teil einer reproduktiven sozialen Einheit vollzieht, begeben sich bereits einige Teile des Puzzles an ihren Platz. Ein Passageritus beinhaltet bestimmte Standardmerkmale:

1. Die Separation des Individuums von der umgebenden sozialen Gemeinschaft

2. Zerstörung des oder Entlassung aus der bisherigen sozialen Identität des Individuums

3. Herstellung einer neuen sozialen Identität mittels Unterricht und/oder Ritual

4. Reintegration des Neuinitiierten in die umgebende soziale Gemeinschaft

Anhand der Informationsfragmente, über die wir bezüglich der Hochzeitsbräuche der Wikinger verfügen, können all diese Merkmale identifiziert werden.


A. Festsetzung eines Hochzeitstermins

Im Norden war der traditionelle Tag für eine Hochzeitszeremonie der der Göttin Frigga geheiligte Freitag. Darüber hinaus war der Termin wohl klimaabhängig, da die Anreise für die Gäste, Zeugen sowie die Familien der Braut und des Bräutigams während der Wintermonate schwierig, wenn nicht sogar unmöglich gewesen sein dürfte. Die Feier zog sich häufig über Wochen hin, so daß ein reichhaltiges Angebot an Nahrungsmitteln zur Verfügung stehen mußte. Dies legt einen Zeitpunkt in Erntenähe nahe. Den gesetzlichen Richtlinien für eine Hochzeit zufolge war es obligatorisch, daß das Paar gemeinsam vom sogenannten "Brautbier" trank - üblicherweise war dies Met (im Original "ale", was im Englischen eine ganze Reihe von gegorenen Getränken und nicht nur das uns geläufige Bier bezeichnet, Anm. d. Übers.) - was bedeutet, daß zur Herstellung desselben Honig zur Verfügung stehen mußte, und zwar in einer Menge, die es dem Paar erlaubte, noch den ganzen der Eheschließung folgenden Monat davon zu trinken (der Honey-moon"). Wenn man all diese Fakten zusammen nimmt, erscheint als häufigster Hochzeitstermin der Zeitraum zwischen Sommerende und dem frühest möglichen Einbruch des Winters als wahrscheinlich.


B. Vorbereitung der Zeremonie

Wenn wir weiterhin dem Modell des Passageritus folgen, ist anzunehmen, daß sowohl Braut als auch Bräutigam vor dem eigentlichen Ritus ihre bisherigen Rollen als unverheiratete Erwachsene aufgaben und auf ihre neuen als Ehemann und Ehefrau vorbereitet wurden. Unter Umständen war dieser Übergang für die Frau von viel größerer Bedeutung als für ihren zukünftigen Ehepartner, da er hier nicht nur den Schritt von der Frau zur Gattin, sondern in vielen Fällen auch von der Jungfrau zur Mutter umfaßte.

1. Die Braut

Die Braut wurde vor ihrem Hochzeitszeremoniell möglicherweise von weiblichen Begleitern mit Beschlag belegt - dies dürften ihre Mutter, andere verheiratete Frauen und vielleicht auch eine Gydhia gewesen sein - welche ihre Vorbereitung überwachten. Um ein sichtbares Zeichen für den Verlust der Rolle als Jungfrau zu setzen, wurde die Braut eventuell ausgezogen und all ihrer Jungfräulichkeitssymbole entledigt - ein solches wäre zum Beispiel der "kransen", ein von Frauen edler Geburt im aufgesteckten Haar getragener Goldring, welcher als Kennzeichen der Jungfräulichkeit diente. Der "kransen" wurde ihr wohl feierlich von ihren Begleiterinnen aus dem Haar genommen und dann sorgfältig eingewickelt und bis zum Zeitpunkt, an welchem die Braut eine Tochter zur Welt bringen würde, aufbewahrt.

Der nächste Schritt der Brautvorbereitungen bestand im Besuch eines Badehauses - dem skandinavischen Äquivalent der finnischen Sauna - in welchem sich ein mit Wasser gefüllter Holzzuber, Seife und ein Dampfraum befanden. Heiße Steine wurden mit Wasser besprengt, um Dampf zu erzeugen, in welchem die Badenden schwelgten und sich mit Bündeln dünner Birkenzweige schlugen, um so das Schwitzen anzuregen. Der Symbolismus des Dampfbades diente sowohl dem Zweck, den jungfräulichen Status der Braut "hinwegzuwaschen" als auch der Reinigung der Frau vor dem am nächsten Tag folgenden Ritual. Während sie also so im Badehaus "schmorten", wurde die Braut von ihren Begleiterinnen bezüglich der Pflichten einer Ehefrau instruiert. Auch erhielt sie Erläuterungen zu den religiösen Bräuchen, welche von der verheirateten Frau zu befolgen seien, zudem Ratschläge bezüglich des Zusammenlebens mit einem Mann und so weiter.

Die Inhalte dieses Unterrichts entstammen vielleicht teilweise der Zwergenweisheit, wie sie zum Beispiel in einigen Strophen des Sigdrifumals erhalten geblieben ist. Hier wird magisches Wissen, welches für eine Hausfrau notwendig ist, gestreift; zudem werden Wege aufgezeigt, wie eine Frau ihrem Ehemann zu raten und ihn zu führen habe. Der letzte Teil des Dampfbades - das Eintauchen in kaltes Wasser, welches den Badenden abkühlt und die Poren der Haut schließt - vollendete die Reinigung. Diesem Wasser wurden anläßlich einer Hochzeitsvorbereitung wohl auch spezielle Kräuter, Blüten und Öle zugesetzt, welche es nicht nur angenehm duften ließen, sondern den Reinigungsritus auch auf magische Weise verstärkten. Man vermutet, daß hier vornehmlich aphrodisische Kräuter und solche, die mit einer Steigerung der weiblichen Fruchtbarkeit auf magischem Wege in Verbindung gebracht wurden, Verwendung fanden.

Das Haar der Braut ließ man ausgebreitet: Die Hochzeitszeremonie und das anschließende Fest waren die letzten Male, wo sie es ungebunden und unbedeckt tragen durfte. Anstelle des "kransen" der Jungfräulichkeit trug die Braut nun wohl eine Brautkrone, welche ein Erbstück der Familie war und ausschließlich während eines Hochzeitsfestes getragen wurde. In einem modernen Roman findet sich die Beschreibung einer Hochzeitskrone, welche aus Silber gefertigt ist und Verzierungen in Form von Schnüren zeigt, die abwechselnd mit in Bergkristall eingebetteten Kreuzen oder Kleeblättern enden und von roten sowie grünen Seidenbändern umwunden ist. Auch wenn keine der mir bekannten Quellen den Gebrauch einer Hochzeitskrone in der heidnischen Periode der Wikinger bestätigt, wurde sie jedoch im mittelalterlichen Skandinavien getragen. Auch ist das hohe Alter dieses Brauches weiterhin über die kontinentalgermanische Tradition des Festes der heiligen Lucia verbürgt, an welchem ein Mädchen, welches die Stelle der "Lichterbraut" einnimmt, eine mit brennenden Kerzen verzierte Krone trägt.

2. Der Bräutigam

Wie die Braut dürfte sich auch der Bräutigam den verschiedenen Merkmalen eines Passageritus unterzogen haben, so auch der Isolierung von der restlichen Gemeinschaft sowie dem Abwerfen der bisherigen Rolle in derselben. Seine Begleiter waren wohl sein Vater, verheiratete Brüder sowie andere verheiratete Männer und eventuell ein Godhi. Da Männer kein sichtbares Zeichen ihres Junggesellenstatus trugen, wurden sie desselben auf andere Weise entledigt, als dies bei der Braut der Fall war. Man erwartete von Bräutigam, daß er sich ein Schwert verschaffte, welches von einem verstorbenen Ahnen stammte und in der Hochzeitszeremonie zur Anwendung kommen sollte. Es gibt eine ganze Reihe von Sagen, die von Grabraub erzählen, welcher den Gewinn des Schwertes eines verstorbenen Vorfahren zum Ziel hat. Dieses Schwert wurde dann einem Sohn der Familie übergeben, und Hilda Ellis-Davidson hat Beweise dafür gefunden, daß diese Schwerter bei der Hochzeit eine wichtige Funktion besaßen. Dies würde in der Tat ein machtvolles Ritual der Separation des Mannes von seiner Gemeinschaft sowie der Ablösung von seiner Junggesellenschaft darstellen, welches den Abstieg in ein Grab mit anschließendem Heraufholen des Schwertes als Symbol für den Tod des Junggesellen und die Geburt des Bräutigams beinhaltet hätte. Wenn kein entsprechendes Grab zur Verfügung stand, wurde das Ahnenschwert eventuell von den Verwandten in einem zu diesem Zweck errichteten Scheinhügel verborgen. Dies hätte die Möglichkeit geschaffen, den Bräutigam mit einem als Geist des Ahnen ("aptrgangr") verkleideten Mann zu konfrontieren, welcher die Instruktionen für den jungen Mann um Informationen bezüglich seiner Familiengeschichte, seiner Ahnenlinie, der Bedeutung der Traditionen sowie der Fortführung seiner Blutlinie ergänzte. Es kann aber auch sein, daß der Bräutigam das Ahnenschwert aus der Hand eines lebenden Verwandten nach erfolgter Belehrung über seine Familiengeschichte erhielt: In diesem Punkt sind die Sagen nicht eindeutig, und der rituelle Raub des Schwertes aus einem Grab wird zwar angeführt, aber nie eindeutig mit einer Hochzeit in Verbindung gebracht.

Unabhängig davon, wie der Bräutigam nun an sein Schwert gelangte, hat er nach seiner zukünftigen Braut dann ebenfalls das Badehaus besucht, um dort seinen Junggesellenstatus symbolisch fortzuwaschen und sich für die Eheschließungszeremonie zu reinigen. Die Anweisungen, die er dort bezüglich seiner neuen Aufgaben als Ehemann und Vater von seinen Begleitern erhielt, stammten wohl teilweise aus Quellen wie dem Havamal, welches junge Männer bezüglich der Behandlung ihrer Frauen berät und nicht nur vor deren wankelmütigem Wesen warnt, sondern ebenso Anweisungen zur Gewinnung der Liebe einer Frau enthält und dazu, wie man sich ein angenehmes Leben mit ihr schafft und erhält. Nach dem Bad wurde der Bräutigam wahrscheinlich für die Hochzeit angekleidet. Auch zu seiner Kleidung existieren keine Aufzeichnungen, obwohl anzunehmen ist, daß er sein Schwert trug und wohl auch mit den Zeichen des Thor - Hammer und Axt - versehen war, welche seine Herrschaft in der nun zu bildenden Vereinigung symbolisierten und eine fruchtbare Ehe sicherstellen sollten.


C. Die Hochzeitszeremonie

Nach Abschluß aller Vorbereitungen wurde der Schauplatz des eigentlichen Hochzeitsrituals hergerichtet, und zwar an einem Friggas-Tag, also einem Freitag. Die erste offizielle Handlung war wahrscheinlich eher geschäftlicher Natur und dürfte im Austausch von Mitgift und mundr vor Zeugen bestanden haben. Nachdem dieser Punkt erledigt war, konnte die religiöse Zeremonie beginnen. Auch wenn die Familien über kleinere Tempel verfügt haben dürften, wird die Zeremonie im Freien stattgefunden haben; entweder im offenen Feld oder in einem kleinen Wäldchen, genannt "ve", welches als heilig betrachtet wurde. Für das offene Feld spräche nicht nur die bessere Sicht der Gäste auf Brautpaar und Zeugen, sondern auch der Umstand, daß ein solcher Ort für die rituelle Anrufung der Gottheiten von Fruchtbarkeit und Ehe besser geeignet scheint. Die Braut wurde von einem jungen Mann aus ihrer Verwandtschaft zum gewählten Ort begleitet, der ihr vorausging und ein Schwert trug, welches sie ihrem zukünftigen Ehemann als Hochzeitsgeschenk übergeben sollte.

Der erste Teil des religiösen Rituals war von Anrufungen und eventuell auch Opfern gekennzeichnet, welche die Aufmerksamkeit der Götter und Göttinnen auf die Zeremonie richten sollten. Wenn man ein Opfer abhielt, wurde höchstwahrscheinlich ein Tier geschlachtet, das in Verbindung zu den Fruchtbarkeitsgöttern stand: Hierbei kann es sich um eine Ziege für Thor, eine Sau für Freya oder einen Eber bzw. ein Pferd für Freyr gehandelt haben.

Es ist auch möglich, daß ein solches Tier nicht getötet, sondern im lebendigen Zustand den Göttern geweiht und danach als heiliges Tier weiter erhalten wurde. Das Tieropfer wurde vom Godhi oder der Ghydhia durchgeführt, welche die Kehle des Tieres aufschlitzen und sein Blut in einer eigens zu diesem Zweck gefertigten Schale auffingen (moderne Ásatrú benutzen im allgemeinen Met anstelle eines lebenden Opfers). Das Fleisch des geopferten Tieres wurde später als Teil des Festmahles zubereitet. Dann wurde die Schale mit dem Blut auf den aus angehäuften Steinen bestehenden Altar oder "horgr" gestellt und ein Bündel von Tannenzweigen hineingetaucht. Mit diesem Zweigbündel (dem "hlaut-teinn") besprenkelte man dann das Hochzeitspaar sowie die anwesenden Gäste, um auf diese Weise den Segen der Götter auf sie herabzuziehen (eventuell tat man dies, indem man den hlaut-teinn" in Form des Hammerzeichens schwenkte; einer sachten, kurzen Abwärtsbewegung, gefolgt von einer schnellen von links nach rechts. Mit dieser Geste hätte man jede vor dem sie ausführenden stehende Person erreicht. Aus eigener Erfahrung finde ich es immer wieder erstaunlich, wieviel Flüssigkeit so ein kleines Tannenzweigbündel aufnehmen kann. Wenn man dies richtig tut, wird jeder der versammelten Menschen von einer ganz kleinen Flüssigkeitsmenge benetzt).

Als nächstes hat der Bräutigam seiner Braut wahrscheinlich das Ahnenschwert vorgelegt, welches er gerade für sich erlangt hatte. Es war die Aufgabe der Braut, dieses Schwert für ihren Sohn in Verwahrung zu nehmen, so wie es schon bei den früheren germanischen Stämmen von Tacitus beschrieben wird: "Sie erhält etwas, das sie einmal unversehrt und unvermindert an ihre Kinder zu übergeben hat und das dann eines Tages die Frauen ihrer Söhne wiederum an deren Kinder weiterreichen." Dann gab die Braut ihrem zukünftigen Ehemann das Schwert, welches sie ihrerseits mit zur Zeremonie gebracht hatte. Dieser Geschenkaustausch versinnbildlichte das heilige Band der Vereinigung, welches somit durch "mystische Riten der Gunst aller Ehegottheiten sicher sein konnte." Das Ahnenschwert zeigte die Traditionen der Familie sowie die Weiterführung der Blutlinie an, während das von der Braut überreichte den Übergang der väterlichen Macht des Schutzes und der Führung der Braut auf den Bräutigam symbolisierte.

Dem Austausch der Schwerter folgte der Tausch der Ringe. Diese Ringe mögen eine Erinnerung an die Armringe in den Tempeln gewesen sein, auf welche Eide abgelegt wurden. Weiterhin wurden diese Ringe vielleicht zum Hochzeitsschwur geweiht, indem man sie auf den Altar in die Mitte des geheiligten Armringes legte, um auf das Konzept der Verbindung zwischen dem ungebrochenen Kreis des Ringes und der unzerstörbaren Natur des Eides hinzuweisen. Man übergab den Ring der Braut auf dem Griff des neuen Schwertes; auch der Bräutigam erhielt den seinen auf diese Weise. Diese Verbindung von Schwert und Ring betont die Heiligkeit des Vertrages zwischen Mann und Frau sowie die bindende Natur des gemeinsam abgelegten Eides, "so daß das Schwert eine Drohung nicht nur für die Frau, sondern für beide darstellt, wenn der Eid gebrochen werden sollte." (Ellis-Davidson).


D. Das Hochzeitsfest

Nach dem Abschluß der Eheschließungszeremonie begann das "brudh-hlaup" oder "Brautrennen", welches auch in Verbindung mit dem "brudhgumareid", dem Ritt des Bräutigams" gestanden haben dürfte. In der christlichen Zeit wurde dies in Form von getrennten, würdevollen Prozessionen zur Festhalle ausgeführt, auch wenn die Bezeichnung "Brautrennen" eher darauf hinweist, daß diese Prozession zu heidnischer Zeit einem tatsächlichen Wettrennen entsprach, wie dies in einigen Teilen des ländlichen Skandinaviens noch heute der Fall ist. Diejenige Gruppe, welche zuletzt in der Halle ankam, hatte die andere während der folgenden Festnacht mit Bier zu versorgen. Nach Ankunft der Braut an der Tür zur Halle wurde ihr der Eintritt in dieselbe vom Bräutigam mittels des nackten, über die Schwelle gelegten Schwertes verwehrt. Dies ermöglichte ihm, seine Frau selbst in die Halle zu geleiten und so zu vermeiden, daß sie über die Schwelle stolpern konnte. Im Gegensatz zu modernen Häusern hatten die des Mittelalters oft einen erhöhten Rand am Boden in der Türöffnung, um niedrige, kalte Luftzüge dort zu stoppen. Um eine Tür zu durchschreiten, mußte man über diese Erhebung steigen. In der ganzen heidnischen Welt gab es Formen des Aberglaubens bezüglich der ersten Überschreitung einer solchen Schwelle durch die junge Ehefrau, da eine Türöffnung als Portal zwischen den Welten angesehen wurde. Dieser eine Schritt wurde als ihr buchstäblicher Übergang vom Leben als Jungfrau zu dem einer Ehefrau gedeutet. Man ging davon aus, daß sich verschiedene Geister stets um eine Tür herum aufhalten; auch gibt es im heidnischen Skandinavien Hinweise, die darauf hindeuten, daß die Schwelle eines Hauses die tatsächliche Grabstätte seines Gründers darstellte, der auf diese Weise schädliche Einflüsse von der Haustür fernhielt. So war es von großer Bedeutung, daß die Braut beim Passieren der Tür keineswegs zu Fall kam, da dies als extrem schlechtes Zeichen gewertet wurde.

In der Halle angelangt, stürzte der Bräutigam sein Schwert in den Dachbalken oder einen Stützpfeiler des Hauses, um "das Glück der Ehe anhand der Tiefe des Schnittes zu prüfen" (Ellis-Davidson). Diese Tradition steht mit dem "barnstokkr" oder dem Ahnenbaum der Familie in Verbindung, einem "Kinderbaum", welcher von den Frauen der Familie "zum Zeitpunkt ihrer Niederkunft umklammert wurde" (Ellis-Davidson). Darüber hinaus demonstrierte diese Probe die Manneskraft des Bräutigams, da das Glück der Familie in engem Zusammenhang zu den aus der Verbindung hervorgehenden Kindern stand.

Nach dieser Einleitung begann das Feiern. Der wichtigste Teil dieses Festes war das zeremonielle Trinken des Brautbieres, welches ein weiteres Element der "Gragas" darstellt, deren Durchführung notwendig war, um die Ehe rechtsgültig zu machen. Hier übernahm die Braut erstmals ihre vornehmste Pflicht als Hausfrau, nämlich das zeremonielle Darreichen der Getränke. Vielleicht hat sie ihrem Mann den Met in einem "kasa" gereicht, einem rundlichen Gefäß mit Henkeln an jeder Seite in Form eines Tier- oder Vogelkopfes mit Schwanz. Eine Variante dieses "kasa" wird noch heute als "Liebeskelch" bezeichnet. Während sie ihrem Mann den Metkelch reichte, mag die Braut einige Verse gesprochen haben, die dem Trinkenden Gesundheit und Stärke bringen sollten.

Ein solcher Vers ist im Sigdrifumal aufgezeichnet:

Das Ale bringe ich dir, du Eiche des Kampfes, / gemischt mit Stärke und glänzendster Ehre; / versehen ist's mit magischen und mächtigen Gesängen, / mit anmutigen Zaubern und wunschmächtigen Runen.

Nach der Entgegennahme des Kelches weihte der Bräutigam diesen vielleicht Thor, indem er das Hammerzeichen darüber schlug. Auch ist es möglich, daß er einen Toast auf Odin aussprach, bevor einen Schluck nahm und den Kelch dann an seine Frau weiterreichte, die nach einem Toast auf Freya ebenfalls daraus trank. Durch diesen gemeinsamen Trunk wurden Braut und Bräutigam vor den Augen der Götter sowie im Sinne der Gesetze zu einer Einheit und bestätigten damit ihre neue Verwandtschaft symbolisch. Eventuell waren unter den Met ein oder zwei Tropfen des Opferblutes vom Morgen gemischt; auch dies sollte die Verwandtschaft zwischen Braut und Bräutigam herstellen. Diesen gemeinsamen Mettrunk behielt das Paar für die nächsten vier Wochen bei, da sowohl der im Getränk enthaltene Honig als auch die diesen produzierenden Bienen im heidnischen Skandinavien mit Fruchtbarkeit und Heilung in Verbindung gebracht wurden.

Nachdem das Paar nebeneinander Platz genommen hatte, wurde dessen Fruchtbarkeit ein weiteres Mal mittels einer Weihe durch Thors Hammer beschworen. Diese Weihe wurde vom Ehemann oder dem godhi ausgeführt; man legte den Hammer in den Schoß der Frau und segnete auf diese Weise ihre Empfängnis- und Gebärorgane.

Dazu wurde Frigga - die Göttin der Geburt - auf rituelle Weise angerufen, wie im Thrymskvidha" beschrieben:

Bringt den Hammer, der die Braut segnen soll: / In den Schoß der Jungfrau legt Mjölnir; / In Freyas Namen sei diese Hochzeit geweiht!

Nach dieser Zeremonie begannen Feiern und allgemeine Belustigung bis zum Ende der Woche. Für die Unterhaltung der Gäste wurde mit Tänzen, Ringkämpfen und gutmütigen Beschimpfungswettkämpfen (flytings") gesorgt; einige Gäste erzählten "lygisogur", welche für diese Gelegenheit extra geschaffene Lügengeschichten waren, oder man erzählte die Geschichte berühmter Menschen, Romanzen und übernatürlicher Wesen in ausgewählten Versen, die sich meist um das Thema der Hochzeit drehten.

Die Heirat ist das wichtigste Ereignis in der Gemeinschaft der Wikinger, in der die Bande des Blutes stärker sind als alle anderen Verpflichtungen. Die Frau, die bei den Wikingern in hohem Ansehen steht, bringt außer der Mitgift auch die Macht und die einflussreichen Ver­bindungen ihrer eigenen Sippe in die Ehe ein. Daher wird der Entschluss zu heiraten den jungen Leuten nicht frei überlassen; die Eltern handeln die Bedingungen untereinander aus. Ob die künftigen Eheleute sich lie­ben, ist dabei zweitrangig. Die Hochzeitszeremonie selbst ist recht einfach: In Anwesenheit aller Mitglieder bei der Sippen wird die Eheschließung durch einen Schlag mit dem Hammer ­ ein Symbol des Gottes Thor - vollzogen. Das anschlie­ßende Hochzeitsfest dauert dafür um so länger: Bier und Met fließen reichlich. Die junge Ehefrau verlässt ihre eigene Familie und wird in die Sippe ihres Mannes aufgenommen. Sie behält jedoch ihren Familiennamen und die Clanzuge­hörigkeit. Als Herrin des Hauses trägt sie an ihrem Gürtel sämtliche Schlüssel, auch den der Schatztruhe. Zu ihren Pflichten gehört es, den Haushalt gut zu füh­ren und eine möglichst große Zahl kräftiger Kinder zu gebären und großzuziehen. Für die reicheren Wikinger war es übrigens durchaus üblich, mehrere Frauen gleichzeitig zu haben. Von König Harald "Schönhaar" erzählt man sich sogar, er habe neun Ehefrauen gehabt! Aber auch die Frau hat ihre Rechte. So kann sie zum Beispiel die Scheidung einreichen und behält in diesem Fall ihr Vermögen; das gilt auch dann, wenn sie Witwe wird. Daher geschieht es häufig, dass ein anderes Mit­glied der Sippe ihres verstorbenen Mannes, zum Beispiel sein Bruder, um ihre Hand anhält - damit das Geld in der Familie bleibt. Die künftigen Eheleute treten vor den Dorfältesten; er hält mit beiden Händen das Schwert, auf das sie das Ehegelübde leisten werden. Die Braut hat ihren schönsten Schmuck angelegt, darunter eine Halskette und eine Gürtelschnalle, die mit Edel­steinen besetzt sind. Der Bräutigam trägt ein prächtiges Schwert, das in einer bronzeverzierten Lederscheide steckt.

Frauen wurden bei den Wikingern schon früh verheiratet. Ein isländisches Gesetz legte das Mindestal­ter bei der Heirat bei Mädchen auf 12 Jahre fest, was vermuten lässt, dass vorher auch jüngere Mädchen ver­heiratet wurden. Sippenverhältnisse spielten eine große Rolle und der Bräutigam musste eine gewisse Sum­me Geldes an den Brautvater zahlen. Ebenso musste er auch nachweisen, dass er die Ehefrau ernähren konnte.

Nicht selten wurden durch das Verheiraten von Töchtern einer einflussreichen Sippe mit den Söhnen einer anderen Familie mächtige regionale Bündnisse geschlos­sen. Dadurch konnte man beim Thing mehr Stimmen gewinnen, denn die Familien waren nun einander ver­pflichtet. Frauenkleidung ist bei den Wikingern nicht weniger aufwendig gefertigt als Männerkleidung, was den ge­sellschaftlichen Status der Frau unterstreicht. Die Fer­tigung solcher Bekleidung war neben der Organisation des häuslichen Lebens und der Zubereitung der Mahl­zeiten die Hauptaufgabe der Frauen.

Hierbei waren vom Spinnen des Fadens über Färben und Weben alle Textiltechniken bekannt und wurden im eigenen Haus durch­geführt. Eine geübte Spinnerein brauchte etwa 10 Stunden, um das Garn für eine Tunika herzustellen, womit auch wohl feststeht, womit Frauen ihren Tag verbrachten.

Verheiratete Frauen trugen ihr Haar unter einem Kopftuch, während unverheiratete es offen trugen.


E. Die Hochzeitsnacht

Die nächste gesetzliche Anforderung für die rechtliche Anerkennung einer Ehe bestand darin, Braut und Bräutigam vor Zeugen gemeinsam ins Bett zu legen, und zwar bei "Licht". Die Bedeutung dieses Gesetzes ist in diesem Punkt unklar; man weiß heute nicht, ob das Zubettbringen noch bei Tageslicht stattzufinden hatte oder als Fackelzug vor sich ging. Der Sinn bestand jedoch darin, daß die sechs Zeugen sowohl Braut als auch Bräutigam eindeutig zu identifizieren in der Lage waren, um die Legitimität der Ehe auch später einmal ohne Zweifel bestätigen zu können. Wenn man annimmt, daß diesem Moment ein langer, von Zeremonien und Feierlichkeiten ausgefüllter Tag vorausging, erscheint es logisch, daß es sich um einen Fackelzug gehandelt haben mag. Vor der Ankunft des Bräutigams wurde die Braut von ihren Begleiterinnen zu Bett gebracht. Das Bett wie auch die Nachtkleidung der Braut waren wohl mit "golgubber" geschmückt; hierbei handelte es sich um Fruchtbarkeitssymbole in Form kleiner Goldplatten, auf welchen einander umarmende Figuren abgebildet waren (möglicherweise eine Darstellung der Vereinigung Freyrs mit der Riesin Gerd). Dann könnte der Bräutigam als Symbol ihrer sexuellen Vereinigung seiner Frau in Anwesenheit der Zeugen die Brautkrone aus dem Haar genommen haben - eine rituelle Defloration also, welche zu einem früheren historischen Zeitpunkt jedoch durchaus tatsächlich vor Zeugen durchgeführt worden sein könnte. Nachdem die Zeugen das Paar verlassen hatten - was in Anbetracht ländlicher Hochzeitsbräuche wohl unter großer, lästernder Ausgelassenheit vonstatten ging - war die Eheschließung vollendet. Die Träume der Braut in dieser ersten Nacht wurden am nächsten Tag genau aufgezeichnet, da man aus ihnen Vorhersagen bezüglich der Zahl der Kinder, die sie zur Welt bringen würde, des Eheglücks und des Schicksals ihrer Nachkommen ableitete.


F. Die Morgengabe

Am nächsten Morgen trennte man das Paar wieder für kurze Zeit. Die Braut wurde von ihren Begleiterinnen angekleidet und zu diesem Zeitpunkt erstmals mit der hochgebundenen oder bedeckten Frisur der verheirateten Frau ausgestattet. Nun durfte sie auch das allgemein in der skandinavischen Welt vertretene Symbol der Ehefrau tragen: das "hustrulinet", ein langes, schneeweißes, fein-plissiertes Leintuch. Wahrscheinlich existierten verschiedene Varianten dieses Kopfschmucks. Man trifft oft auf Rekonstruktionen desselben, die jedoch eine falsche Vorstellung davon vermitteln, da sie ein starres, gebundenes Ding zeigen. Das "hustrulinet" war wohl ein zusammengestecktes Tuch, welches mittels eines gewebten und mit Metall- und Brokatfäden ornamentisch bestickten Bandes, das man um die Stirn wand, gehalten wurde.

Es gibt archäologische Hinweise auf eine Kapuze oder lange Seidenhaube, die ebenfalls anstelle des "hustrulinet" getragen werden konnte, und in einigen weiblichen Grabstätten fand man fünfzehn bis zwanzig Zentimeter lange Nadeln, die entlang beider Seiten des Kopfes lagen und ein schleierartiges "hustrulinet" oder ein dem oben erwähnten ähnliches Tuch an den Zöpfen der Frau festgehalten haben könnten. Die Kopfbedeckung galt als ein Zeichen des neuen Status der Frau sowie der Ehre, die dieser mit sich brachte und unterschied sie im Haushalt von den Dienern und Konkubinen. Es gibt da die Debatte, inwiefern der Brauch des "hustrulinet" nicht erst im zehnten Jahrhundert von den Christen eingeführt worden sei, da die Zahl der Kopfbedeckungen ab diesem Zeitpunkt bei den Grabfunden deutlich zunimmt; dennoch gibt es Funde, die auf das neunte Jahrhundert oder noch früher datierbar sind.

Nachdem die junge Frau wie eine Ehefrau gekleidet worden war, begleitete man sie in die Halle, um dort den letzten Anforderungen an eine rechtmäßige Eheschließung gerecht zu werden. Der Ehemann zahlte seiner Frau vor den Augen der Zeugen die Morgengabe und gab damit zu verstehen, daß die Hochzeit nun vollzogen sei. Gleichzeitig übergab er ihr die Schlüssel seines Hauses, welche ihre neue Vollmacht als Herrin desselben symbolisierten.



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