Bild- und Ornament-Kunst


Bildkunst:

In der Kunst der Wikinger sind figürliche Darstellungen eher selten, zumeist handelt es sich um zweidimensionale Formen ( Skulpturen, textile Wandbehänge ), gelegentlich sind sogar Gebrauchsgegenstände als Figuren ausgestaltet. Die allgegenwärtige Ornamentkunst spielt auch hier mit hinein, die Bildszenen sind manchmal mit Ornamenten dekoriert, oder die Figuren selbst weisen Merkmale der ornamentalen Stile auf. Abstraktion herrscht vor, realistische Züge werden kaum erreicht oder auch nur angestrebt, die Stereotypen ( Frauen mit langem Haar und nachschleppendem Kleid, Männer mit Rundschild und Speer bewaffnet ) überwiegen. Beispiele der älteren erzählenden Bildkunst sind die gotländischen Bildsteine und die Holzschitzereien und Textilien aus dem Schiffsgrab von Oseberg. Gewöhnlich werden die dort abgebildeten Szenen, etwa Menschen zu Pferde oder auf der Jagd, Schiffe, Episoden aus der Sage von Sigurd, als sakrale Darstellungen gedeutet. Die Bildsteine von Gotland dienten dem Totenkult, die Forschung vermutet in ihnen die Darstellungen von Walhall. Die spätere Bildkunst wandte sich unter christlichem Einfluß Motiven wie dem Kreuztod Christi und dem Jüngsten Gericht zu.



Kunststile

Ornamentkunst:

Neben der Bildkunst ist die Ornamentkunst der zweite ( und bekanntere bzw. gründlicher erforschte ) Strang der Wikingerkunst. Ihre einzelnen Ausprägungen sind – in chronologischer Reihenfolge – der Broa/Oseberg-, Borre-, Jellinge-, Mammen-, Ringerike- und Urnes Stil. Die Benennungen stammen von den Fundorten, an denen die entsprechenden Stilformen zuerst entdeckt wurden bzw. an denen sie besonders typisch vertreten sind. Die Ornamentkunst arbeitete mit drei Grundformen, die miteinander kombiniert werden konnten: figürliche ( Tiere und Menschen ), pflanzliche ( Ranken,Blätter,Blüten ) und geometrische ( Dreiecke, Kreise, Spiralen, Schlingen ). Kennzeichen ist die Wiederholung: Die Ornamente erscheinen aus nur wenigen Formen zusammengesetzt und reihen sich ununterbrochen aneinander, wobei ein sicheres Gefühl für Maß und Gleichgewicht waltet und der vorhandene Raum klug und harmonisch genutzt wird. Einflüsse aus anderen Kulturkreisen werden geschickt aufgenommen, so werden zum Beispiel aus den Weinranken und Akanthusblättern der fränkischen Kunst fast geometrische Formen. Kraft und Vitalität der Wikingerkunst zeigen sich besonders in der Tierornamentik. Ihr Lieblingsmotiv ist das Greiftier, ein Fabelwesen, von der ursprünglichen Idee her wohl ein Löwe, aber nun in seiner Gestalt phantastisch verzerrt und verwandelt. Rudolf Pörtner gibt eine gute Beschreibung des Greiftiers: "Geschmeidig wie eine katze, rundlich wie ein Spielzeugbär. Ein schlanker Leib; dicke, gepolsterte Hüften; lange, biegsame, gummiartige Extremitäten ... Dieses Monstrum ist ständig auf dem Sprung. Mit weitausholenden Bewegungen greift es um sich. Es bäumt sich, streckt sich, dehnt sich, verflicht seine Glieder, verklumpt und verknäult sie und wickelt sie wieder auseinander. Immer in heftiger, hektischer Bewegung, immer voll von Leben, Giftigkeit und offensiver Kraft."

Die einzelnen Stile der Ornamentkunst:


Broa/Oseberg- Stil

Die früheste Epoche wikingischer Ornamentkunst ( 9. Jahrhundert ) ist benannt nach Funden ( Metallkunst ) aus dem Grab von Broa im Kirchspiel Halla auf Gotland und aus dem Schiffsgrab von Oseberg ( Holzschitzereien ). Den Stil kennzeichnen Tiermotive, zum einen ein sich schlängelndes, bandförmiges Wesen mit einem Auge, einer betonten Taille und Öffnungen an den Hüften, zum anderen das sogenannte Greiftier, eine Anzahl ineinander verschlungener und verkrallter, sich bekämpfender Tiere mit runden Glotzaugen und langen Schöpfen. Letzteres ist ein äußerst langlebiges Motiv und erscheint als Einzeltier im nachfolgenden Borre-Stil.

Borre-Stil

Nach dem Schiffsgrab von Borre ( Vestfold, Norwegen ) ist der Stil benannt, der die wikingische Ornamentkunst ( mit chronologischer Überlappung zur vorangegangener bzw. folgender Epoche ) zwischen 850 und 975 bestimmte. Seine Merkmale sind die Ringketten ( ein zweisträhniges, symmetrisch verflochtenes Band ), das einzelne Greiftier mit zur Maske gestaltetem oder rückwärts gebogenem Kopf und in Spiralen auslaufenden Hüften sowie das halbrealistisch gehaltene rückwärts blickende Tierwesen, dessen Hüften gleichfalls in Spiralen enden. Der Borre-Stil war in Skandinavien weitverbreitet, auch auf den Britischen Inseln ist sein Vorkommen belegt. Außer den in Borre gefundenen Exponaten gelten die aus dem Grab von Gokstad geborgenen Schnitzereien und Metallarbeiten als typische Produkte des Stils.

Jellinge-Stil

Das Ornament auf einem Silberbecher, der im Königsgrab von Jellinge ( Jütland ) gefunden wurde, gab einer Stilepoche der Wikingerkunst den Namen. Der Jellinge-Stil entwickelte sich wahrscheinlich Ende des 9. Jahrhunderts und verbreitete sich im 10. Jahrhundert über ganz Skandinavien und Teile der Britischen Inseln. Seine Kennzeichen sind die wie Borten oder Bänder wirkenden schlangenförmigen Tierleiber, deren Köpfe mit Zipfeln versehene Lippen und Zöpfe aufweisen.

Mammen-Stil

Der Kunstwissenschaft genügt oft ein kleiner Gegenstand, um einer Epoche oder einem Stil einen Namen zu geben. Im Fall des Mammen-Stils, der von etwa 940 bis 1000 die skandinavische Ornamentkunst dominierte, ist es das Blatt einer silbertauschierten Prunkaxt aus einem Häuptlingsgrab, das bei Mammen in Mitteljütland entdeckt wurde. Beim Tauschieren werden in die Oberfläche einer metallenen Gußplatte ( hier das eiserne Axtblatt ) Rillen eingetieft, in die Drähte aus anderem Metall ( hier Silber ) gehämmert werden. Nach der Politur ergeben sich dann eindrucksvolle Kontraste. Die Axt von Mammen ist auf der Vorderseite mit einer gebogenen Halses nach rückwärts blickenden Vogelfigur geschmückt, von der Abzweigungen in Blattform abgehen. Der Körper des "Vogels" ist mit einem regelmäßigem Muster aus kleinen Punkten ausgefüllt. Die Dekoration der Rückseite besteht aus einem fleischig wirkenden Pflanzenornament. Der Mammen-Stil ist eine üppigere Variante des zeitlich vorangehenden Jellinge-Stils. Die Tierkörper sind stattlicher entwickelt, die Proportionen naturalistischer wiedergegeben, pflanzliche Rankenmotive tauchen häufig in Verbindung mit Tiermotiven auf. Beispiele finden sich auf zahlreichen Prestigeobjekten aus Silber, Knochen, Elfenbein, Horn und Stein, auch außerhalb Skandinaviens, etwa auf den Orkneyinseln und der Isle of Man. Berühmt ist die Mammen-Dekoration am Großen Runenstein von Jellinge, den Harald Blauzahn um 965 setzten ließ. Eine Seite des pyramidenförmigen Steines zeigt einen Löwen inmitten einer verschlungenen Blattornamentik, eine weitere Christus am Kreuz, gleichfalls eingerahmt von Rankenwerk.

Ringerike-Stil

Auf den Mammen-Stil folgte der von Ringerike, benannt nach einer Landschaft in Norwegen und chronologisch in die 1. Hälfte des 11. Jahrhunderts zu datieren. Zirka 150 Gegenstände aus Stein, Knochen und Metall, die in Skandinavien gefunden wurden, zeigen den Ringerike-Stil, darunter prestigeträchtige Objekte wie schwedische Wetterfahnen. Besonders ausgeprägt ist er jedoch auf schwedischen und norwegischen Runensteinen. Die Blattmuster des Mammen-Stils sind im Ringerike-Stil weiterentwickelt und stärker achsenbezogen. Die Gestaltung ist insgesamt straffer und disziplinierter, gelegentlich lassen sich Einflüsse englischer und ottonischer Blattwerkornamentik erkennen.

Urnes-Stil

Die Schnitzereinen am Giebel der Stabkirche von Urnes in Westnorwegen gaben dem letzten Stil der wikingischen Ornamentkunst den Namen. Als Weiterentwicklung des Ringerike-Stils ist die Urnes-Kunst durch fließende Linien und Rhythmen gekennzeichnet. Schmale, schlangenartige Tierwesen formen große asymmetrische oder auf einer Achse ausgerichtete Schleifen. Der Urnes-Stil wird auf etwa 1040 – 1110 datiert. Beispiele finden sich nicht nur in Norwegen, sondern auch in Schweden, wo er auch als Runenstil bezeichnet wird, sowie- vor allem als Metallkunst – in Dänemark, England und Irland.

Bis heute ist die Ornamentkunst der Wikinger faszinierend anzusehen und es bedarf einiger Zeit und Geduld diese selbst einmal darzustellen.



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